Žižek: Das Auseinanderbrechen der wirtschaftlichen und politischen Einheit Europas muss unter allen Umständen vermieden werden. Die Griechen sollten jetzt nicht Europa für ihre politischen Probleme verantwortlich machen. Sie haben jahrelang einer gefährlichen Mischung aus Klientelismus und Wohlfahrtstaat gefrönt, die ihre Grenzen erreicht hat. Aber das größte Problem ist Europa selbst. "Was will Europa?", lautet die Frage – um Freuds "Was will das Weib?" zu paraphrasieren. Die heutige Krise ist eine Krise des technokratischen Brüsseler Modells von Europa. Nur eine erneuerte Linke kann Europa retten.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle können Philosophen dabei spielen?

Žižek: Philosophen bieten keine Lösungen an. Wir sind keine Spezialisten. Wie Deleuze einmal sagte – dem ich sonst sehr kritisch gegenüber stehe – können wir lediglich die Fragen auf eine neue Weise stellen, die über den Konsens hinausgeht. Viele angebliche Entscheidungsfragen, etwa die zwischen Neoliberalismus und Wohlfahrtstaat und die zwischen Multikulturalismus und geschlossenen Kulturräumen sind nicht so einfach wie sie vielfach behandelt werden. Es sind letztlich die falschen Fragen, die diese falschen Alternativen schaffen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Žižek: Nehmen Sie zum Beispiel die europäische Identität, wie sie die Rechtspopulisten heute fordern. Europa ist nicht nur Imperialismus und Kolonialismus, sondern auch Demokratie, Gleichheit und Emanzipation. Selbst im Christentum können sie viele emanzipatorische Ideen entdecken. Ist zum Beispiel der Heilige Geist nicht das erste Modell einer egalitären Gemeinschaft? In diesem Sinne bin ich auch für eine neue europäische Leitkultur. Die angeblichen Verteidiger Europas durch immigrantenfeindliche Politik sind heute die größte Gefahr für dieses europäische Erbe – sie, nicht die armen Muslime sind die wirklichen Barbaren innerhalb unserer Tore.

ZEIT ONLINE: Sie haben selbst den Untergang des real-existierenden Sozialismus erlebt. Die Situation ist heute vor allem deshalb eine andere, weil es keinen ideologischen Gegner gibt, an dem sich die Opposition orientieren könnte.

Žižek: Da haben Sie prinzipiell Recht. Man sollte aber nicht vergessen, dass das Resultat des Umbruchs der Neunziger nicht unbedingt das widerspiegelt, was die Oppositionellen damals wollten. "Solidarnośc" zum Beispiel wollte nicht den Kapitalismus. Es ging um Forderungen nach mehr Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit. Wie so oft hat sich hier eine genuin revolutionäre Situation in ihr Gegenteil verwandelt. Ähnliches können Sie heute in Ägypten sehen. Meine Wette ist, dass eine Allianz zwischen denselben Militärs, die schon unter Mubarak die Macht hatten, und den Muslimbrüdern zustande kommt. Unter denen wird dann ein Kuhhandel stattfinden. Nach dem Motto: Wir lassen euch eure Privilegien, wenn ihr uns unsere Ideologie lasst. Sehr deprimierend ist das.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch In der Endzeit leben kritisieren Sie insbesondere Kants Zum ewigen Frieden als die Blaupause einer liberalen Ordnung zwischen Rechtsstaatlichkeit und Ökonomie. Weshalb das?

Žižek: Wenn Kant diese neue Weltordnung des "Ewigen Friedens" ohne einen äußeren Feind konzipiert, dann heißt das nur, dass der Feind in ihr überall ist. Heute sehen wir die Auswirkungen davon in der Art und Weise, wie sich der Westen in den letzten Dekaden als Weltpolizei gebärdete, als ob es schon einen Weltstaat gäbe. Wie wir heute überall sehen können, ist die Kehrseite dieses "Ewigen Friedens" der permanente Krieg gegen diejenigen, die als eine Gefahr für den Frieden wahrgenommen werden. Der Krieg gegen den Terror ist die Wahrheit des ewigen Friedens.

ZEIT ONLINE: War die Herabstufung der USA-Bonität nicht ein historischer Einschnitt, die diese Art des Unilateralismus beendete?

Žižek: Man sollte das nicht überbewerten, aber ja. Wir sind in einer multipolaren Welt angekommen. Ironischerweise ist der Abstieg der USA als alleiniger Supermacht ein Resultat der Bush-Regierung. Auch hier ist das "Ende der Geschichte" in sein Gegenteil umgeschlagen: Das wirkliche Erfolgsmodell ist heute nicht mehr die westliche Demokratie, sondern Kapitalismus plus autoritäre Regierung. Ähnlich war es in England zur Zeit der Industrialisierung, das seine Dynamik eben daraus bezog, dass die Adeligen und damit die alten autoritären Machtstrukturen noch eine große Rolle spielten. Der jetzige Wandel zur Multipolarität ist also nicht nur zu begrüßen. China und Indien, die die deutlichsten Gewinner in dieser neuen multipolaren Konstellation sind, müssen heute selbst das Ziel anti-imperialistischer Kritik sein, etwa was Chinas Politik in Myanmar und Indiens Umgang mit der maoistischen Opposition anbelangt.

ZEIT ONLINE: Es gibt also keinen notwendigen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Menschenrechten wie ihn viele Ideengeschichtler nahelegen?

Žižek: Nein, absolut nicht. Der autoritär geführte Kapitalismus ist der Gewinner der jetzigen Krise. Er ist heute die größte Gefahr für Demokratie und Menschenrechte. Es ist außerordentlich ironisch, dass heute, nach dem Triumph des Kapitalismus über den Kommunismus, die Kommunisten, die an der Macht blieben, die besten Manager des Kapitalismus sind. Dreißig Jahre nachdem Deng Xiaoping sagte, dass nur der Kapitalismus China retten könne, gebärden sich die politische Führer des Westens, als ob nur China den Kapitalismus retten könnte. Hegel hätte diese Umkehrungen geliebt!