Der damalige Leiter der französischen Behörde, Gaston Maspero, verkörpert demgegenüber das Ideal des supranationalen Wissenschaftlers. Er fördert die Ausgrabungstätigkeit nach Kräften, aus Furcht vor den verheerenden Folgen der Modernisierung, zumal der Bewässerung. "Wenn nicht innerhalb von 25 Jahren die durch die moderne Industrie angegriffenen Grabungsstellen gründlich erforscht worden sind, zögere ich nicht zu erklären, dass ihr gesamter Inhalt für die Wissenschaft verloren sein wird", richtet Maspero 1912 einen dramatischen Appell an die gelehrte Welt. Ihm geht es weniger darum, dass die Fundstücke in Ägypten bleiben, als dass sie überhaupt dem Wüstensand entrissen werden.

Unter Masperos Direktorat wurden die Funde von Tell el Amarna zwischen Kairo und Berlin geteilt: und zwar "par distance und nach Photographien", wie Amarna-Ausgräber Ludwig Borchardt nach Hause berichtet. Maspero ließ sich durch einen jungen Mitarbeiter vertreten. Der "Kopf einer Prinzessin" – wie die Büste der Nofretete mangels Zuschreibung zunächst bezeichnet wurde – fiel an Borchardt, ein als gleichwertig erachtetes Relief mit Pharao Echnaton und seiner schönen Frau an die französische Verwaltung, alles Übrige "hälftig" und ohne Rücksicht auf Zusammengehörigkeit einzelner Fundstücke. So verlangte es das Gesetz, das kurz zuvor in Kraft getreten war.

Bénédicte Savoy schildert Lacau als unangenehmen Zeitgenossen. Sein Vorgänger Maspero verzweifelte geradezu an ihm. Unverheiratet und kinderlos, aufbrausend und depressiv, mittlerweile 40 Jahre alt und ohne Aussicht auf die ersehnte Anstellung am Pariser Louvre, bekannte er brieflich seine "Abscheu gegen Ägypten" und jammerte über seine "klägliche Existenz" in Kairo.

Zum Erweckungserlebnis geriet ihm der 1914 ausbrechende Erste Weltkrieg. Lacau wurde eingezogen, kam in die Schützengräben Nordfrankreichs – und fühlte sich dort so sehr am rechten Platz, dass er die Freistellung vom Kriegsdienst wiederholt ablehnte, um endlich sein Amt in Kairo antreten zu können. "Mein Alter teilt mich den Kämpfenden zu", erklärte er im Pathos der Zeit: "Was wir hier tun, ist durch nichts zu ersetzen." Lacau, interpretiert Savoy in ihrem Buch, "hatte offensichtlich im Krieg ein übergeordnetes Ziel und eine Schicksalsgemeinschaft gefunden, die ihn erfüllten". Seine nachfolgende Tätigkeit in Ägypten begriff er "als eine Ausweitung der Kampfzone": 1915 ließ er das luxuriöse Haus des Amarna-Ausgräbers Borchardt in Theben sprengen. Und ging anschließend zurück in den Schützengraben.

Deutsche, so forderte Lacau gleich nach Kriegsende, müssten "aus moralischen Gründen endgültig von künftigen Genehmigungen ausgeschlossen" werden. Im Rachefeldzug gegen die deutsche Wissenschaft fand Lacau das Ziel seines bis dahin frustrierenden Lebens. An eine Zusammenarbeit mit einem Deutschen auch nur zu denken, sei ihm absolut unmöglich, beschied er 1919 einen Fachkollegen. Eine Nation könne "wirkliche Gelehrte und eine vollkommen niedere Seele haben: Der Beweis ist erbracht".

So war es nur folgerichtig, dass Lacau am 12. Mai 1925 eine erste Forderung auf Herausgabe des Nofretete-Kopfes stellte. Dabei war sich Lacau bewusst, dass die seinerzeitige Fundteilung rechtmäßig vonstatten gegangen war. In einem Brief an die ägyptische Regierung räumt er ein: "Niemals ist von Diebstahl die Rede gewesen. Juristisch ist alles vollkommen in Ordnung." Die französische Antikenverwaltung, mithin sein Vorgänger Maspero, habe einen Irrtum begangen – "das ist schwer genug zuzugeben" – und den Wert der Nofretete nicht erkannt. Borchardt bestritt diese Darstellung ausführlich unter Verweis auf das von beiden Seiten unterzeichnete Protokoll der Fundteilung. Darauf ging Lacau nicht ein: "Moralisch sind wir gerüstet." Unter "moralisch" verstand Lacau seinen Feldzug gegen Borchardt und die boches.

Die deutsche Seite war schließlich bereit, auf das Tauschangebot einzugehen – um endlich wieder in Ägypten graben zu dürfen. Es war der sozialdemokratische Kultusminister Preußens, Adolf Grimme, der 1930 in letzter Instanz den Tausch der Nofretete-Büste gegen mindere Objekte, darunter eine in Kairo doppelt vorhandene Standfigur, untersagte. Denn Nofretete war längst als Hauptstück der Berliner Museen von der Öffentlichkeit vereinnahmt, und zahllose Zeitungsartikel verurteilten den vereinbarten Tausch. Aus der Bereitschaft dazu ist später auf eine Art Schuldeingeständnis Borchardts und des Deutschen Archäologischen Instituts geschlossen worden. Doch den Wissenschaftlern ging es um die Fortsetzung ihre Grabungen, um die Rückkehr in den Kreislauf der Wissenschaft, die ihnen Lacau und die französische Gelehrtenwelt seit Jahren verwehrten, nicht nur in Ägypten, sondern auch bei internationalen Kongressen.

Dass der Streit um Nofretetes Standort ein Erbe der deutsch-französischen "Erbfeindschaft" darstellt, rückt den bisherigen Streit in ein neues Licht. Untrennbar darin verwoben sind Kolonialismus und nationale Konkurrenz, aber eben auch die großen Leistungen der Wissenschaft.

Erschienen im Tagesspiegel