Noch vor wenigen Wochen mussten Amerikaner ausländische Zeitschriften lesen, um etwas über Occupy Wall Street zu erfahren. Mittlerweile ist das Schweigen einem regelrechten Hype gewichen. Die Bewegung zierte letzte Woche gleich die Cover des Time Magazine , des New Yorker und des Economist . Die New York Times druckte eine Modestrecke mit Protestlern in High Heels und Hipster-Outfits .

MTV castet Wall-Street-Besetzer für sein Format Real World . Promis wie Alec Baldwin, Tim Robbins und Susan Sarandon schauten öffentlichkeitswirksam am Zucotti Park vorbei – der Rapper Kanye West erschien in Givenchy und Balmain. Und der Regisseur Christopher Nolan soll darüber nachdenken, die Demonstranten für seinen neuen Batman-Film Dark Knight Rises als Statisten anzuheuern . Das Merchandising im Internet reicht von Hunde-T-Shirts bis zu iPhone-Taschen . Selbst die New Yorker Touristenbusse haben Occupy Wall Street in ihre Rundfahrten als Attraktion integriert.

Verkommt die Revolte zur Konsum-Orgie, wird der Antikapitalismus zur Werbefläche? So jedenfalls sieht es Brendan O'Neill , ein Kommentator des britischen Telegraph . Occupy Wall Street sei "eine als politische Bewegung getarnte Modenschau". Es gehe bloß um "klasse Haarschnitte, nicht um Klassenkampf" . Ein Programm habe es nicht gegeben, es stünden lediglich ein paar gutaussehende junge Leute auf einem Platz herum. Auch der linke slowenische Philosoph Slavoj Žižek warnte in einer Rede in New York davor, dass ein "Karneval billig komme" und dass "der Tag danach" entscheidend sei. Die Erinnerung an Occupy Wall Street drohe sonst so auszusehen: "Wir waren jung und hatten eine gute Zeit."

Unstrittig ist, dass die Bewegung von Anfang an auf oberflächliche Mittel der Überzeugung setzte. Das Magazin Adbusters , das die Occupy-Wall-Street-Kampagne erfand, gilt als das Flaggschiff der sogenannten Anti-Werbung. Seine Macher setzen bewusst Ästhetik und Strategie der Werbung ein, um konsumkritische Kampagnen zu fördern. Auch ihren Popularitätsschub Ende September erlebte die Bewegung nicht wegen ihres – ohnehin unklaren – politischen Programms, sondern aufgrund der eher emotionalen Solidarität, die ein im Internet bekannt gewordenes Video weckte: Es zeigt wehrlose Demonstranten, die von Polizisten mit Pfefferspray besprüht werden. Die Verballhornung des Videos in der Daily Show , der momentan wichtigsten amerikanischen Comedy-Sendung, tat ein Übriges – Occupy Wall Street wurde zum Massenphänomen.

Wenn die New York Times , Hollywood und MTV nun auf den Zug aufspringen, dann dient das letztlich dem Zweck, Werbeflächen, DVDs und Eintrittskarten fürs Kino zu verkaufen. So verdient das eine Prozent auf perfideste Art an der Wut der 99 Prozent. Die Occupy-Wall-Street-Aktivisten müssen sicherstellen, dass sie selbst von den kräftigen Bildern profitieren, die sie produzieren. Ansätze dafür gibt es bereits in eigens produzierten, durch Crowdfunding finanzierten Werbespots und der vielkritisierten Überlegung, gleich selbst Occupy-Wall-Street-Merchandising herzustellen und an den Mann zu bringen.

Schon die Französische Revolution wurde von Modemagazinen aufgegriffen

Doch wer der Bewegung ihre Oberflächlichkeit vorwirft, übersieht, dass diese selten vermeidbar ist, wenn man die Massen erreichen möchte. Ausgefeilte politische Programme alleine haben noch nie Menschen auf die Straße gebracht. Selbst die Französische Revolution war von Modeerscheinungen aller Art begleitet, wie der bekannten roten phrygischen Mütze, Schleifen in den Farben der Trikolore und ähnliche Accessoires "à la Bastille", wie es damals hieß .

Die zeitgenössischen Modezeitschriften waren voll von Tipps, wie sich Revolutionäre kleiden sollten. Und, so unglaublich es klingt, auch Revolutionstourismus gab es schon damals – wer in Deutschland was auf sich hielt, pilgerte nach Paris und erstand einen Stein der Bastille als Souvenir. Selbst wenn sich heute ein Blog etwas platt rühmt, die " Hot Chicks of Occupy Wallstreet " zu versammeln , erinnert dies noch an die Marianne, die erste weibliche Pop-Ikone auf Barrikaden.

Dass es auch um Occupy Wall Street einen Hype gibt, steht ihrer historischen Bedeutung nicht entgegen. Für die deutsche Occupy-Reichstag-Bewegung ist es also ein gutes Zeichen, dass man vor Ort Stöckelschuhe und Tim Renner sehen konnte, den Gründer von Motor Entertainment. Würden sich allerdings jetzt auch noch Til Schweiger und Indira Weis blicken lassen, wäre das wahrscheinlich weniger zuträglich. Promimäßig ist "die revolutionäre Situation" in den USA einfach eher gegeben, um es mal diplomatisch mit Lenin zu sagen.