Frage: Herr Theweleit, Kraftwerk sind gerade in München im Museum angekommen, die Hitparaden werden von wiederveröffentlichten Pink-Floyd - und Nirvana -Platten und Retro-Künstlern wie Adele beherrscht. Ist Pop keine Gegenwartskunst mehr?

Klaus Theweleit: Schwer zu sagen. Eigentlich ist Pop nie nur Gegenwartskunst gewesen. Pop hatte schon immer eine Geschichte, eine Tradition. Schon in den fünfziger Jahren, als das, was wir heute unter Pop verstehen, begann, ist in den frühen Rock'n'Roll viel Rhythm'n'Blues und Jazz eingeflossen. Selbst Dixieland ist daraus nicht wegzudenken. Und in den Sechzigern wurde dann schon von den Goldenen Zwanzigern geschwärmt. Ein Bob Dylan steht in der Traditionslinie von Folk, von Working Man Songs und Woody Guthrie.

Frage: Aber damals fügten die Musiker dem Alten etwas Neues, Eigenes hinzu. So wie die Rolling Stones den Blues nur als Startrampe benutzten. Heute hingegen wirken viele Bands im Heraufbeschwören historischer Sounds gefangen. Wo bleibt die Innovation?

Theweleit: Die gilt es zu entdecken, und das ist schwer, weil sich derzeit gerade nichts spektakulär Neues ausbreitet. Außerdem ist die Popgeschichte inzwischen viel länger geworden, es hat mehr Sachen gegeben und man kann vieles nicht mehr neu erfinden. Ein Saxofonist kann sich heute nicht völlig von dem lösen, was John Coltrane gemacht hat. Neu ist aber, dass das historische Bewusstsein heute ausgeprägter ist. Seit den neunziger Jahren hat sich ein Popspezialistentum herausgebildet, das sich fast schon wissenschaftlich penibel mit Bands und Epochen befasst.

Frage: Der britische Kritiker Simon Reynolds beschreibt in seinem Buch Retromania eine Popära, die "verrückt nach der Vergangenheit und besessen von der Erinnerung" sei. Zeigt sich da ein neuer Konservatismus?

Theweleit: In den Achtzigern gab es das Gleiche unter dem Stichwort Nostalgie schon einmal. Pop ist ein Markt. Und dieser Markt arbeitet in Zyklen. Alles was schon einmal da war, wird recycelt. Das ist kein neues Phänomen.

Frage: Aber heute werden die Charts fast ausschließlich von Altstars und Retro-Acts wie Adele, Duffy oder Aloe Blacc dominiert.

Theweleit: Man könnte auch noch Amy Winehouse nennen. Doch die halte ich für ein reines PR-Phänomen. Ich habe mir ihre Platten angehört und kein einziges Stück gefunden, das auch nur im Entferntesten an die schlechtesten Sachen von Aretha Franklin heranreichen würde. Das ist Musik, die den Markt abräumen kann, weil die Produzenten, Manager und PR-Agenten gute Arbeit geleistet haben. Als ich in den Nachrufen von der "großartigen Musikerin" las, hat sich mir der Magen umgedreht. Die Leute hören nicht richtig hin.

Frage: Bis weit in die achtziger Jahre verstanden sich Popmusiker als Teil einer Gegenkultur. Wieso ist dieser Anspruch verschwunden?

Theweleit: Weil Pop zum Mainstream geworden ist. Pop ist allgegenwärtig, unsere Kultur ist völlig durchtränkt davon, in jeder Zeitung findet man heute Popthemen auf der ersten Feuilleton-Seite. Für mich verschwand Pop als Gegenkultur in dem Moment, als die Feuerzeuge in den Konzerten auftauchten. Mit erhobenen Händen huldigen die Fans ihrem jeweiligen Messias. Vor allem ist das aber eine große Selbstfeier. Dabei geht es nicht mehr um irgendeinen Gegenentwurf, sondern nur noch die Übereinstimmung mit dem, was die Konsumenten für ihre Abweichung halten. Die Feuerzeuge als gemeinschaftsstiftendes Utensil haben vielleicht sogar die Facebook-Kultur vorweggenommen.

Frage: Das Neue im Pop ist lange aus dem Überdruss am Alten entstanden. Auf Rock'n'Roll folgte Beat, Punk war ein Aufstand gegen den Stadionrock. Heute existieren zig Stile friedlich in ihren Nischen nebeneinander. Haben sich die Fortschrittsmodelle im Pop als untauglich erwiesen?