Von diesem Maso-Trip ist sie inzwischen wieder abgekommen. Auf Talk That Talk begnügt sich die aus Barbados stammende Sängerin damit, offensiv Oralsex einzufordern, herumzustöhnen und aufzuzählen, wo überall sie den Akt mit ihrem Partner ausgeführt hat (Bett, Sofa, Boden). Das Ganze klingt ungefähr so antörnend wie ein Werbespot für Zahnpasta. Die Sexyness wirkt völlig aseptisch und maschinenhaft, was allerdings im Plastik-R'n'B zu den Genremerkmalen gehört. Genau wie das zweite große Thema der Platte: die Liebe, die den Kuschelkontrast zum "Gib's mir, Baby"-Geraune bildet. Drei der zwölf Songs tragen Love bereits im Titel. Hier wird es mal megadramatisch wie in der Kitschballade Farewell und mal Eurodance-haft wie bei der Single We Found Love , die endlos auf einem aus zwei Akkorden bestehenden Synthiemotiv herumreitet. 

Eins der stärksten Stücke dieser routiniert runtergerissenen Platte ist Drunk On Love , das auf dem Song Intro der britischen Düster-Kids The XX beruht. Das norwegische Produzentenduo Stargate, das noch für zwei weitere Stücke des Albums verantwortlich zeichnet, hat den Instrumentaltrack quasi komplett übernommen, wobei sie die Gitarrenspur von Keyboards nachspielen lassen und den Sound mächtig aufblasen. Dazu schmachtet Rihanna über ihr Dasein als hoffnungslose Romantikerin. Ihre Stimme wird hier ausnahmsweise einmal nicht übermäßig manipuliert. Auf dem Rest des Albums wird sie immer wieder verzerrt, verdoppelt und verdreifacht. Das ist einer der Hauptgründe dafür, dass ihre Persona von einer Aura totaler Künstlichkeit und Unnahbarkeit dominiert wird.

Als neues Verruchtheitssignet hat man Rihanna Zigaretten (oder gar Joints?) ausgesucht. Das Albumcover von Talk That Talk zeigt sie mit ihrem typischen Schlafzimmerblick und weit geöffnetem Mund, aus dem Rauch entweicht. Und im Video zur Nummer-eins-Single We Found Love dienen Zigaretten neben bunten Pillen als schockierende Requisiten. Viel geknutscht wird natürlich auch. Nur schade, dass das alles so irre billig wirkt.

Rihanna: Talk That Talk (Def Jam/Universal)

Erschienen im Tagesspiegel