Hier ein kleines Brevier all jener Dinge, die der Opernliebhaber im Allgemeinen und der Wagnerianer im Besonderen auf einer Bühne nie, nie wieder sehen möchte. Verboten gehören:

1. Stücke von hinten zu erzählen, wenn alle schon tot sind, sodass die Belegschaft mit Schusswunden in der Herzgegend und Mullbinden um die Schädel durch asphaltgraue Unterwelten stapft, ganz gleich ob es sich um Idomeneo (Komische Oper), Lulu (Staatsoper Berlin ) oder Lohengrin an der Deutschen Oper handelt.
2. Helden, die, weil sie Helden sind, ausschließlich zentralperspektivisch auf- und abtreten und im Trockeneisnebel die Fäuste recken.
3. Choristen oder Statisten, die auf Knopfdruck in stummes Gestikulieren ausbrechen, Schulterklopfen, Kopfnicken oder -schütteln, huldreiches Umarmen usw.
4. Kostüme, die a) Männern Tornister wahlweise aus dem Dreißigjährigen oder dem Ersten Weltkrieg umschnallen und b) Frauen in bruegelsche Kutten stecken.
5. Böse Frauen, die an roten Langhaarperücken und klappernden Klunkern zu erkennen sind.
6. Jede Form von Theater im Theater im Theater.

Spaß beiseite. Seit 2011 leitet der Däne Kaspar Holten – keine 40 Jahre alt, 60 Inszenierungen – Londons Opernhaus Covent Garden. Warum er jetzt auch an der Berliner Bismarckstraße Regie führen muss, das beantworte, wer ihn engagiert hat ( Kirsten Harms ? Operndirektor Christoph Seuferle? Donald Runnicles persönlich?). In Barcelona oder Valencia, in Tokio oder Santa Fé mag solcher global trash irgendwie durchgehen, in London mit Knirschen vielleicht auch. In Deutschland, in Berlin geht so etwas nicht, gerade bei Wagner nicht.

Der Skandal ist nicht, dass sich über die versammelten handwerklichen Lieb- und Fantasielosigkeiten kaum hinwegsehen lässt. Der Skandal ist, dass die Leitung der Deutschen Oper offenbar damit rechnet, dass der konservative Zuschauer genau dies tut. Eine repertoiretaugliche Inszenierung sei, was möglichst weit hinter den Anspruch und die Tradition des Hauses zurückfällt? Man hört förmlich, wie Götz Friedrich sich stöhnend in seinem Grab umdreht.

Dabei lohnt es nicht, sich in die Details zu versenken. Lohengrin, der Schwanenritter, schreitet als eine Art Erz- oder Friedensengel durch die romantische Intrige, mit weißen Rucksack-Flügeln, die alle größeren darstellerischen Regungen seinerseits unterbinden. In der Szene vor dem Münster im zweiten Akt wallt ein roter Theatervorhang herunter, und die Kirche selbst erscheint, schief abgelichtet, hinter einem kleinen güldenen Bühnenportal (Vorsicht: Kitsch!).

Konzeptionelle Dünnbrettbohrerei

Das Brautgemach spielt um ein weißes Bett (180 x 90), das sich alsbald als Sarkophag entpuppt, und der kleine Gottfried, an dessen Verschwinden sich das ganze Stück entzündet, kehrt schließlich als Kinderleiche heim nach Brabant. Krieg bleibt Krieg, da helfen keine Helden? Oder sind die Helden gar selbst schuld an der Metzelei, weswegen Lohengrins Schwan am Ende als silbrigschwarzes SA-Emblem am Himmel prangt? Apropos: Statt "Führer" wird natürlich "Schützer von Brabant" gesungen, so viel politische Korrektheit muss sein.

Wir wollen hier nicht von den Lohengrin -Regie-Großtaten eines Peter Konwitschny in Hamburg oder eines Hans Neuenfels in Bayreuth sprechen (und auch nicht von Götz Friedrichs Vorgänger-Inszenierung), aber es nimmt schon Wunder, wie ein ganzes Ensemble eine derartige konzeptionelle Dünnbrettbohrerei offenbar klaglos erträgt.

Der Chor hat's an diesem Abend bequem, keine Frage, und honoriert sein ungestörtes Geradeaussingendürfen mit einer berückend konzentrierten Leistung (Einstudierung William Spaulding). Ein Pianissimo-Einsatz wie Nun fasst uns selig süßes Grauen nach Lohengrins Ankunft im ersten Akt bleibt in überirdischer Zärtlichkeit über der Szene schweben, und selbst die zahllosen "Heil!"-Rufe der Partitur kippen klanglich nie in blödes, metallisches Blöken um. Wenn's rhetorisch etwas kleinteiliger wird (in heiklen Doppelchören wie In Früh'n versammelt uns der Ruf ), fehlt bisweilen die letzte rhythmische Schärfe und deklamatorische Präzision. Aber das sind Mäkeleien auf einem Niveau, das so derzeit wohl nur in Bayreuth anzutreffen ist.