Manche menschliche Leistungen klingen unmenschlich, etwa der Transeuropalauf , der derzeit längste Langstreckenlauf der Welt: in vierundsechzig Tagen 4.500 km längs durch Europa von Bari in Süditalien bis zum Nordkap, im Schnitt 70 Kilometer täglich, oft zehn Stunden und mehr. Mehr Laufen geht wohl nicht. Das müssen lauter Ausnahmeathleten sein, denkt man. Doch das ist ein Irrtum, wie der Dokumentarfilm I want to run von Achim Michael Hasenberg belegt, der dieser Tage in den deutschen Kinos anläuft.

Die Menschen, die Hasenberg porträtiert, sind Amateursportler: ein Friseur, eine Solarforscherin, ein Optiker. Hasenberg hat sie auf ihrer Tortur, "dem härtesten Rennen der Welt" (Untertitel), quer über den Kontinent begleitet.

Da ist der fast sechzigjährige Achim Heukemes, der sich nach einem Motorradunfall für das Laufen entschied. Oder die vierzigjährige Elke Streicher, die vor zehn Jahren "von der Partygurke zur Sportskanone" wurde, wie sie sagt. Und Joachim Hauser, ein Familienvater Mitte vierzig, der an multipler Sklerose leidet.


Noch unglamouröser als die Läufer ist der Wettbewerb. Er muss ohne Zuschauer auskommen, allenfalls mit Passanten, die die Rekordläufer für gewöhnliche Jogger halten. Die Athleten reisen ohne Serviceteam, sie müssen rücksichtslosen italienischen Autofahrern ausweichen, weil die Strecken nicht für sie gesperrt werden. Sie übernachten auf Isomatten in Turnhallen und Kindergärten.

Nicht mal einen Ruhetag gönnen sie sich. Zwei Monate lang stets der gleiche Rhythmus: Laufen, Essen, Schlafen, Laufen – ein ewiges Steady State , wie man in der Trainingswissenschaft die perfekte Balance der Energiegewinnung bei sportlicher Leistung nennt. Die durchschnittliche Geschwindigkeit beträgt nicht mal zehn Kilometer pro Stunde. Es ist wichtig, nicht zu schnell zu werden, denn jede kleinste Beschleunigung kann zur Übersäuerung und zu Gehpausen oder zum Abbruch führen.

Der Film passt sich den Läufern an. Hasenberg begleitet sie chronologisch, von Süd nach Nord. Sein Stil: sachlich, keine Inszenierung, keine Kommentierung, keine dramaturgische Eingriffe. Er dokumentiert, wie die Athleten im immer gleichen Tempo Schritt für Schritt meistern, nur spärlich unterlegt mit einer pulsierenden Neo-Tango-Musik.

Das Spannende an I want to run sind die Interviews zwischen den Rennen, frühmorgens mit dem hundemüden Heukemes, abends mit einem von Schienbeinwunden gepeinigten Konkurrenten. Da geht es um Fragen wie: Wie lässt sich das Laufen und das aufwändige Training in das normale Leben integrieren? Leidet darunter das Sozialleben ?

Und vor allem: Warum machen die das? Wieso steht Elke Streicher jeden Tag um 4 Uhr auf, um vor der Arbeit drei Stunden laufen zu gehen? Warum opfern diese Amateursportler für dieses Martyrium zwei Jahresurlaube und zahlen obendrein 6.000 Euro Startgeld?

Hasenbergs Verdienst ist es, diesen Fragen behutsam auf den Grund zu gehen, ohne zu letzten Antworten kommen zu wollen. Vordergründig sind die Motive der Läufer verschieden. Robert Wimmer, der Sieger des ersten Transeuropalaufs 2003, will wieder gewinnen. Für zwei schwedische Soldaten ist der Lauf eine Art Fortbildung in Teamwork. Der kranke Joachim Hauser hofft, durch das Laufen den Abbau seiner Muskulatur zu verzögern. Doch was alle eint, ist die Hingabe zu ihrer fast suchtartigen Leidenschaft: Laufen, um die Monotonie und den Schmerz zu besiegen. Denn um extreme Langstreckenläufe durchhalten zu können, genügt Fitness alleine nicht. Der Kopf spielt eine entscheidende Rolle. Selbst Läufer, deren körperliche Leistung immer hinter der von jüngeren, gesünderen oder fitteren Teilnehmern zurück bleiben würde, werden bei solchen Distanzen dank ihrer Willensstärke zu ernsthaften Gegnern.

Leider kommen gerade die sportlichen Leistungen und die Intensität des Wettbewerbs im Film ein wenig zu kurz. Die Laufszenen wirken beliebig ausgewählt. Man hätte gerne genauer gewusst, worin sich die Etappen unterscheiden. Ist die längste Etappe, die 98 Kilometer zählt, wirklich die schwerste? Welche Emotionen zeigen die Läufer in Extremsituationen? Kommt es zu Konflikten zwischen den Läufern?

Nur die letzte Etappe ist unverwechselbar, hier bekommt der Zuschauer eine Ahnung, welche – zusätzliche – Qual der eisige Wind am Nordkap sein muss. Ihn erreicht der Sieger, Rainer Koch , mit rund zehn Stunden Vorsprung. Doch Sieger sind alle, die durchkommen. Sieger über den eigenen Körper und die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit.