Eine eigene Meinung ist im autoritär regierten Kasachstan gefährlich, wenn man sie zu laut äußert. Der renommierte kasachische Theaterregisseur Bulat Atabajew ist vergangene Woche wegen "Anstiftung zu sozialen Unruhen" in Almaty, der ehemaligen kasachischen Hauptstadt, verhaftet worden. Ihm drohen bis zu zwölf Jahre Gefängnis. Atabajew soll Ende August in Weimar mit der Goethe-Medaille für sein Lebenswerk und als "mutiger Kämpfer für demokratische Strukturen" ausgezeichnet werden.

Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, reagierte bestürzt auf die Festnahme. Der Filmemacher Volker Schlöndorff und Roberto Ciulli, Intendant des Theaters an der Ruhr in Mühlheim, forderten in offenen Briefen an den zuständigen Richter Atabajews unverzügliche Freilassung. "Von seinem ganzen Temperament her ist er für politische Agitation keineswegs disponiert oder geeignet", schreibt Schlöndorff. Atabajew hatte an Schlöndorffs Film Ulzhan als Co-Autor am Drehbuch mitgewirkt.

Der 60-jährige Atabajew ist Mitbegründer und langjähriger Leiter des Deutschen Theaters in Almaty. Als Regisseur orientiert er sich an Bertolt Brecht und dem sozialen Theater und ist für seine unkonventionellen Bühneninszenierungen bekannt. Als Autor politischer Parabeln und mit kritischen Theaterstücken wie Die Lawine thematisierte er die Zustände in Kasachstan und erarbeitete sich auch internationale Bekanntheit. Er gilt als besonnener Verfechter der Menschenrechte, der immer wieder auf das Ausmaß der Korruption im Lande hinweist. Kasachstan steht auf dem Korruptionsindex von Transparency International an 120. Stelle von 182 Ländern. "Meine Theateraufführungen stärken das Immunsystem der Gesellschaft. Menschen müssen sich selbst heilen gegen Amoralität".

Im vergangenen Jahr hatte sich der Regisseur, der fließend Deutsch spricht, jedoch vehement für die monatelang in Westkasachstan streikenden Ölarbeiter eingesetzt. Die Arbeiter forderten höhere Löhne. Zweimal, im Juni und im August 2011, reiste er zusammen mit dem jungen politischen Aktivisten, Schambulat Mamai, in die Ölstadt Schanaosen, um ihnen zuzuhören und mit ihnen zu reden. "Ich wollte, dass die Behörden auf das Problem aufmerksam werden", sagte Atabajew in einem Interview kurz vor seiner Verhaftung. Am 16. Dezember, Kasachstans 20. Unabhängigkeitstag, kam es im Lauf der Proteste zu Auseinandersetzungen zwischen den Ölarbeitern und Sicherheitskräften, bei denen mindestens 14 Menschen ums Leben kamen und mehr als 100 verletzt wurden. Daraufhin verhängte Präsident Nursultan Nasarbajew den Ausnahmezustand über die Stadt, der erst Ende Januar aufgehoben wurde.

Die Eskalation der Gewalt verdarb Nasarbajew nicht nur den runden Jahrestag der Unabhängigkeit, der mit Events im ganzen Land gefeiert werden sollte. Sie zeigte auch einen politisch angeschlagenen Präsidenten, der die Kontrolle über den 16-Millionen-Einwohner-Staat scheinbar verloren hatte, und entsprach so gar nicht dem sorgfältig kultivierten Image Kasachstans. Nasarbajew will sein Land als stabilen und sicheren Standort in Zentralasien wahrgenommen wissen. Als Reaktion auf die Unruhen entließ der seit über zwei Jahrzehnten regierende Präsident eine Reihe wichtiger Ölmanager, darunter sein Schwiegersohn Timur Kulibajew. Kulibajew war Chef des Samruk-Kasyna-Konzerns, in dem mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts umgesetzt wird. Er galt bis zu diesem Zeitpunkt als Anwärter auf das Präsidentenamt.

Mehrere politische Aktivisten sind in Untersuchungshaft

Im Januar wurde der Regisseur Atabajew zum ersten Mal vom Nationalen Sicherheitsdienst (KNB) verhört. Vier weitere Verhöre sollten folgen. "Ich habe nicht verstanden warum sie mich verdächtigen", sagte Atabajew. "Ich fragte sie, wieso sie mich nicht im August verhaftet hätten, bekam aber keine Antwort". Ihm wurde verboten Almaty zu verlassen.

Atabajew war nicht der einzige, der sich den Fragen des KNBs aussetzen musste. Dutzende Ölarbeiter waren nach den Unruhen festgenommen und nach eigenen Aussagen in Polizeigewahrsam gefoltert worden. Während des letzten der bisher insgesamt vier Prozesse im Zusammenhang mit den Ausschreitungen von Schanaosen wurden Anfang Juni 13 von 37 angeklagten Demonstranten zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Fünf Polizisten waren in einem der früheren Prozesse ebenfalls zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt worden. Mehrere politische Aktivisten, die sich seit Anfang des Jahres in Untersuchungshaft befinden, warten noch auf ihre Verhandlung. 

Atabajew stellt keine politischen Forderungen. Seine Verhaftung vor einigen Tage hatte sich jedoch abgezeichnet. Ende Mai wurde er von den Behörden nach Aktau vorgeladen, in die Hauptstadt der Mangistau Region im Westen Kasachstans, wo die Prozesse stattfinden. Als Antwort auf seine Angabe, er habe kein Geld für die Flugreise, schickte ihm der KNB ein One-way-Ticket. Atabajew wies es zurück, da seine Anwältin, die er mitnehmen wollte, keines erhalten hatte. Der Regisseur vermutete, man wolle ihn fern von Familie, Freunden und Gleichgesinnten verhaften: "Sie (die Behörden) haben Angst", sagte Atabajew.

Er blieb zunächst auf freiem Fuß und kritisierte weiter. "Künstler sollten immer in der Opposition sein", sagte Atabajew. "Ich bin wie ein kasachischer Akyn, ein Troubadour. Warum sollte ich schweigen?"

Sollte er die Goethe-Medaille am 28. August nicht selbst in Empfang nehmen können, wird ihn der kritische kasachische Journalist Lukpan Achmedjarow vertreten. Achmedjarow hatte im April schwere Verletzungen erlitten, als er von Unbekannten angeschossen wurde.