Javier Bardem stahl natürlich allen die Schau. Als am 19. Juli mehr als 100.000 Beamte, Polizisten, Feuerwehrleute, Gewerkschaftler und andere Bürger in Spanien auf die Straße gingen , um gegen erneute Sozialkürzungen zu protestieren, da marschierte Bardem mit, zusammen mit seiner Mutter Pilar und seinem Bruder Carlos. Die Schauspielerfamilie sei wegen der Kürzungen dabei, sagte er, aber vor allem wegen der Mehrwertsteuererhöhung im Kultursektor. Diese sei "der Todesstoß für ein Kollektiv in der Krise" und "für den Zugang der Bevölkerung zur Kultur", zitierte ihn die Tageszeitung El Periódico .

Unter dem Motto "Kultur ist kein Luxus" protestiert die spanische Kulturbranche seit dem 12. Juli vor allem in Blogs gegen die neuesten Beschlüsse der Regierung. An dem Tag kündigte Präsident Mariano Rajoy neben anderen Sparmaßnahmen zum 1. September eine Mehrwertsteuererhöhung von 18 auf 21 Prozent an. Den Kultursektor trifft es besonders hart: Eintrittskarten für Kino, Theater und Konzerte werden vom Herbst an statt mit dem reduzierten Satz von 8 Prozent mit dem neuen Normalsatz besteuert – 13 Prozentpunkte mehr.

Vor einem Monat noch zeigte sich Alberto Guijarro, Direktor des Konzertsaals Sala Apolo in Barcelona , ganz zuversichtlich: "Viele Diskotheken in Barcelona leiden unter der schlechten wirtschaftlichen Situation im Land, weil einfach nicht mehr genug Eintrittskarten verkauft werden. Wir haben uns allerdings ganz gut halten können, dank eines breit gefächerten Programms und einer sehr strengen Kostenkontrolle."

Doch inzwischen macht sich Guijarro große Sorgen. Er kennt die Branche gut, ist dazu noch Vorsitzender der Konzertsaalvereinigung von Katalonien und einer der Leiter des Primavera Sound Musikfestivals. "Bei einem ausverkauften Konzert liegt der Gewinn bei zwischen 10 und 15 Prozent. Bei einer Mehrwertsteuererhöhung von 13 Prozentpunkten liegt er nur noch bei 7 Prozent", rechnete er der spanischen Tageszeitung El País vor. "Das ist ein Geschäft mit einem extrem hohen Risiko. Viele Unternehmen werden dicht machen müssen."

Der Verband der Spanischen Musikindustrie (APM) erklärt, dass die Zahl der Konzerte bereits 2011 um 18,3 Prozent gesunken sei. Er befürchtet weitere Nachteile für Spanien im internationalen Wettbewerb um Auftritte berühmter Musiker, wobei das Land schon wegen der hohen Abgaben an die SGAE, die spanische Musikverwertungsgesellschaft, benachteiligt sei. Diese liegen bei Veranstaltungen mit Livemusik bei 10 Prozent. Der Cercle de Cultura, die führende katalanische Organisation von Kulturschaffenden, verlangt gar das Eingreifen der Europäischen Kommission.

Konzertsäle und Theater haben aufgrund der Wirtschaftskrise den Preis von Eintrittskarten gedrückt und Gewinneinbußen hingenommen. Das Sónar Festival zum Beispiel, das dieses Jahr mit 98.000 Besuchern seinen Rekord brach, hat seit drei Jahren die Ticketpreise nicht erhöht, obwohl diesmal viele Sponsoren ausblieben. Das Sónar 2012 sei mit vier Millionen Euro fast eine halbe Million teurer als letztes Jahr gewesen: 244.000 Euro kamen aus öffentlichen Geldern, 635.000 Euro von Sponsoren und für den Rest musste der Veranstalter Advanced Music selbst aufkommen. "Wir haben einfach mehr Geld aus dem Unternehmen investiert", sagt die Pressesprecherin Georgia Taglietti.

Nicht alle sind einverstanden

Doch viele Einrichtungen haben diese Möglichkeit nicht, nachdem Finanzhilfen vom Staat drastisch reduziert wurden. In dem im April verabschiedeten Haushalt für 2012 wurden dem Ministerium für Bildung, Kultur und Sport 21 Prozent seines Budgets gekürzt. Bei der Filmförderung sind es 35 Prozent, 17 Prozent bei Musik und Bühnenkunst, 13 Prozent bei den Museen. Und es trifft nicht nur die Kleinen oder die Provinz : Das Museo del Prado und das Museo de Reina Sofia, das Teatro Real und die Biblioteca Nacional in Madrid sind alle von starken Kürzungen an öffentlichen Fördermitteln betroffen.

"Die Krise hat gut zwei Jahre gebraucht, bis sie im Kulturbereich ankam. Doch jetzt sind die Aktivitäten überall zurückgegangen: Statt sechs Ausstellungen im Jahr organisiert man nur noch zwei", sagt der Autor und Kurator Jorge Carrión. Auch beim Film spürt man die Folgen: In den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden dem Instituto de la Cinematografía y las Artes Audiovisuales, der größten Filmförderanstalt, 25 Drehpläne angekündigt. 2011 waren es im gleichen Zeitraum noch 74.

Carrion fürchtet vor allem die Konsequenzen einer Umstrukturierung des Bankensektors, die zwar noch nicht beschlossen, jedoch immer wahrscheinlicher ist. Denn derzeit sind die Sparkassen gesetzlich dazu verpflichtet, einen Teil ihres Kapitals in die sogenannte obra social , eine kulturelle und soziale Fördereinrichtung, zu stecken. Diese Bereiche haben sich gerade bei großen Sparkassen wie La Caixa de Catalunya und Caja Madrid zu wichtigen Teilnehmern im Kulturbetrieb entwickelt. "Man wird den nordamerikanischen Weg der privaten Förderung gehen wollen, doch das ist nicht unsere Mentalität", sagt Carrión.

Die Budgetkürzungen im April ernteten harsche Kritik von Kulturschaffenden und Feuilleton-Redakteuren. Die bevorstehende Mehrwertsteuererhöhung jedoch trifft vor allem unabhängige Kulturschaffende und Konsumenten und könnte sich stark auf die Nachfrage auswirken. Auch deshalb hat sich der Protest jetzt ausgeweitet. In Barcelona hat die lokale Ausgabe der Kulturzeitschrift Time Out eine regelrechte Kampagne gestartet, viele Medien haben sich angeschlossen.

Dass mit dem Titel der Kampagne – Kultur ist kein Luxus – doch nicht alle einverstanden sind, zeigen die Reaktionen auf Javier Bardems Präsenz bei der Demonstration. Ob er gerade mit dem Privatjet aus Beverly Hills eingeflogen sei, witzelte man auf Twitter . Und ob er überhaupt in Spanien Steuern zahle, um die hiesigen Arbeitslosen zu unterstützen. Wer nicht weiß, ob er nächsten Monat noch einen Job oder ein Dach über dem Kopf haben wird, für den wirkt eine Theaterkarte wohl doch wie ein Luxus, auf den man im Notfall verzichten kann.