Esperantoplatz, östlicher Eingang zur Theresienwiese. Eine blonde Frau, die Seiten kurzrasiert, schreibt inmitten der schunkelnden, schwankenden Grüppchen große Letter auf den Asphalt: "Das Hirn wird nach dem Abbrühen enthäutet und fein gehackt. In Butter Zwiebeln anrösten, zuletzt mit Petersilie würzen." Ein altes Kochrezept. Oktoberfestbesucher umringen die Frau, die drei Bierkrüge aus Filz auf die Straße stellt. Dann setzt sie ihre Sonnenbrille auf und verschwindet in der Menge.

Die Bierkrüge sind Teil einer Aktion der Rausfrauen, eines Street-Art-Duos, das seit rund einem Jahr in München, Stockholm, Berlin, Hannover und den USA seine Spuren hinterlässt. Die Rausfrauen sind 24 und 29 Jahre alt und wollen unter den Decknamen "Hermine" und "Sissi" mit ihren selbstgemachten Werken die Öffentlichkeit an den Wert von Hausfrauentätigkeiten wie Stricken, Nähen und Backen erinnern. Hermine ist von Beruf Puppenspielerin, Sissi arbeitet als Klinikclownin. Vor fast zwei Jahren haben sie sich in einem Puppenspiel-Workshop kennengelernt. Inspiriert von der Guerilla-Knitting-Bewegung aus den USA, die Bäume und Straßenlaternen mit bunten Strickschals verzieren, verabredeten sie sich zu gemeinsamen Kunst-Aktionen. Etwa einmal pro Monat sind sie gemeinsam unterwegs, um Straßen und Plätze umzugestalten.

Es sei die "dritte Welle" des Feminismus, die sie antreibe, sagen sie. Die "Gleichmacherei beider Geschlechter", wie sie von Feministinnen in den Siebzigern gefordert wurde, halten sie für wenig sinnvoll. Die Idee, Frauen sollten dasselbe tun, wie Männer, finden sie chauvinistisch. Damit würde suggeriert, dass nur die bislang von Männern dominierte Art der Arbeit wertvoll wäre. Die Rausfrauen wollen auf humorvolle Art gegen derlei Geschlechterklischees angehen. "Drinnen die Frau, draußen der Mann – das wollen wir durchkreuzen", sagt Hermine, die sich nach ihrem Einsatz auf dem Oktoberfest in ein Café zurückgezogen hat. Und so polstern zunehmend Wolle, Filz und Stoff das Metall und den Teer der Stadt.

Auf den Bierkrügen, die Hermine den Wiesn-Besuchern überlassen hat, thront keine Schaumkrone, sondern ein Hirn aus Wolle. Ihre Aussage: Euer Alkoholkonsum ist schädlich und kostet viel Geld. Zehn Stunden hat sie an den Bierkrügen geschneidert. "Die Besucher denken, das Oktoberfest sei ein kulturelles Ereignis, dabei wird in den zwei Wochen nur gesoffen." Betrunkener Freiluftsex auf der Wiese unter der Bavaria hätte mit alten Traditionen und Bräuchen nichts zu tun. Statt zum Oktoberfest alle Hemmungen fallen zu lassen, sollten die Menschen lieber lernen, unverkrampft über Sex zu reden.

Auf der Wiesn verwischt eine Frau im Dirndl unterdessen die Buchstaben des Hirn-Rezepts mit ihren Pumps. "So ein Schmarrn", sagt sie. Passanten in Haferlschuhen laufen an den Bierkrügen vorbei. "Ist das was Perverses?", will ein junger Mann wissen, der die Internetadresse der Rausfrauen in sein Handy tippt.

"Die meisten Reaktionen sind positiv", sagt Hermine. Als sie und Sissi in der U-Bahn Gardinen anbrachten und einen Blumentopf an die Scheibe klebten, freuten sich die anderen Fahrgäste. Auch, als sie im Sommer Wäscheleinen mit gehäkelten Unterhosen über die Kiesbänke der Isar spannten. Kontroverser wurden die selbstgebackenen Lebkuchen in Penis-Form aufgenommen, die die Frauen 2011 auf der Wiesn verteilten.