Der Ankläger hält sein Plädoyer. Großgewachsen ist er, kräftig und von dröhnender Stimme, wie ein richtiger russischer Mann es sein soll. Im dunkelblauen Samtanzug tritt Maxim Schewtschenko majestätischen Schritts vor die Geschworenen und verkündet mit Freude am rhetorischen Krawall sein Weltbild: Das "liberale Monster" aus dem Westen möchte Russland sein politisches System und seine Werte aufzwingen. "Aber wir sind in der Lage, aus unserer Tradition und unserer Religion eine normale Gesellschaft aufzubauen", sagt er. Russland brauche sie dazu nicht, diese Westler.

Schewtschenko beschuldigt russische Künstler, sich vom Westen bezahlen zu lassen und mit gotteslästerlichen Ausstellungen und Happenings die russische Widerstandskraft zu schwächen. Aktionskünstler wie die Frauen der Punkband Pussy Riot hätten es darauf abgesehen, das traditionelle russische Verständnis von Gut und Böse zu zerstören. "Nur wenn wir frei bleiben, wird es in unserem Land auch weiterhin Mann und Frau und nicht Partner A und Partner B geben", sagt Schewtschenko. Die Homosexuellen-Ehe meint er damit – für ihn noch so eine westliche Verirrung zum Schaden der russischen Volksseele. Nach seinem Plädoyer entscheiden die Geschworenen mit knapper Mehrheit gegen Schewtschenko. Doch das blieb eine Fußnote. Der Prozess war eine Performance und Schewtschenkos Auftritt Theaterdonner. Allerdings mit einem brisanten politischen Inhalt.

In den Moskauer Prozessen des Schweizer Regisseurs Milo Rau ging es um den Konflikt von moderner Kunst und Religion in einem Staat, der sich unter Präsident Wladimir Putin immer deutlicher auf die Seite der orthodoxen Gläubigen schlägt. Für Spannung war also gesorgt. Rau ist für umstrittene Themen bekannt: Er hat bereits das Ende des rumänischen Diktators Ceaușescu und dessen Ehefrau, den Völkermord in Ruanda und die Gerichtsrede des norwegischen Massenmörders Anders Breivik dokumentarisch bearbeitet. Diesmal bündelte er drei Moskauer Gerichtsverfahren. Die Kuratoren zweier Kunstausstellungen und drei Aktivistinnen von Pussy Riot waren in den vergangenen zehn Jahren zu Geldstrafen oder Lagerhaft verurteilt worden. Rau stellte die echten Prozesse nicht nach, sondern nahm sie wieder auf.

Eine Mischform mit Nachteilen

Es traten in mehr als zwölf Stunden keine Schauspieler, sondern Experten und Betroffene auf. Ohne Textbuch und seitenlange Regieanweisungen konnten sie frei handeln und reden. Als Experten der Anklage gewann er den Fernsehjournalisten Schewtschenko, der sonst auf den Staatskanälen gegen die prowestlichen "Liberalfaschisten" wettert. Die Verhandlung war eine Mischform aus dokumentarischem Theaterstück, Performance und politischem Debattierklub mit einem bescheiden klingenden und doch bahnbrechenden Ziel: Rau wollte einen Dialog unter Gleichrangigen schaffen in einem Land, in dem politische und gesellschaftliche Gruppierungen einander meist feindlich gesinnt sind und in Selbstisolation leben.

Die Mischform hatte ihre Nachteile. Die Erinnerung an die drei Prozesse ist noch frisch, und die Argumente beider Seiten sind bekannt. Überraschendes ertönt kaum. Zudem verleitet das formale Korsett des Prozesses Ankläger und Verteidiger dazu, ihren Schlagabtausch als Nullsummenspiel zu führen. Es geht vor allem darum, die Zeugen der Gegenseite in ihrer Glaubwürdigkeit zu schwächen. Der Dialog bleibt ein Kreuzverhör.