Es gilt als gesichert, dass Arbeitslosigkeit heute als ein Makel angesehen wird. Es ließe sich die Sache ebenso gut umgekehrt betrachten: Weit davon entfernt, Schande zu sein, ist die Arbeitslosigkeit etwas, das ihre Träger auszeichnen kann, um nicht zu sagen: adelt. Ja doch, sie adelt, die Arbeitslosigkeit. Worauf bereits die um sich greifende Marotte hindeutet, den Arbeitslosen wahlweise als Schmarotzer, Parasit oder Müßiggänger zu bezeichnen – im Rückgriff auf das alte Vokabular und Weltbild der Adelskritik, wie es die um Selbstverständnis ringenden bürgerlichen Kreise zur Zeit der Aufklärung formulierten.     

Heute beschränkt sich die Fundamentalkritik an der Arbeitslosigkeit allerdings längst nicht mehr auf bestimmte Kreise. Vor allem affirmativ gewendet, also als Feier der Arbeit, des fortwährenden Tuns und Machens, ist diese Kritik zu einem Schlager geworden, dessen Refrain auch diejenigen gemeinsam schmettern, die sich sonst spinnefeind sind. Ob von Leistung die Rede ist, die sich wieder lohnen solle, oder sich in Hamburg Hausbesetzer den dynamisch-flotten Namen "Komm in die Gänge" ans Revers heften oder die Showmaster der Superstar-und-Modelsendungen im Fernsehen ihre Kandidaten knechten, unisono tönt es von fern und nah: Du musst arbeiten! Und zwar hart. An dir, an den anderen, an allem. Mit dem Ergebnis, dass das hervorstechende Merkmal unserer Zeit der Schweißgeruch ist.

Eindrucksvoll zeigten das zuletzt auch die Plagiatsaffären. Ei, was erhebt sich da immer wieder für ein Geschrei, von der FAZ bis zum Freitag! Und warum? Weil der Plagiator an den Grundfesten der Arbeitsgesellschaft rüttelt. Eine Doktorarbeit, jeder weiß es, ist in 99 von 100 Fällen wissenschaftlich irrelevant, und dient einzig und allein dem karrierefördernden Nachweis, "sauber arbeiten" zu können. Wenn nun jemand sich diesen Nachweis ohne Arbeit besorgt, beschädigt er damit das ganze System. 

Er zeigt, dass "sauber arbeiten" eben kein Wert an sich, und schon gar nicht eine Qualifikation für den ist, der in die Politik will. Schon wenn wir bedenken, dass unsere Polit-Elite heute 90+Stunden-Wochen schiebt, und damit fortwährend einem programmierten Realitätsverlust ausgesetzt ist, kann es für jeden Politiker zwecks Stärkung der Abwehrkräfte nur vernünftig sein, so lange wie möglich so wenig wie möglich gearbeitet zu haben.            

Japsen, Keuchen, Hecheln

Allerdings wird diese Sicht der Dinge immer noch mit gesellschaftlichem Ausschluss quittiert, und darum ist einer, will er an die Hebel der Gestaltung, zum Doppelspiel gezwungen: Er tut so, als arbeite er, während er in Wahrheit nichts tut. Das Plagiat, ober besser noch ein Ghostwriter, kann in dieser Hinsicht Wunder wirken.     

Nicht übersehen ließ sich freilich auch, dass es sich bei der Wut auf Plagiatoren um einen Selbstvergewisserungsdiskurs handelte. So kommt dann auch das Lob der Arbeit meist schon verschwitzt daher. Wenn etwa ein unermüdlicher Philosoph die Mühe von knapp tausend Seiten auf sich nimmt, um die Kulturtechnik des Übens zu preisen, kann es da verwundern, wenn das Fazit lautet: "Du musst dein Leben ändern" – meint er etwa, so zu werden wie er?           

Und wollen nicht all jene, die auf Arbeitslose schimpfen, sich einreden, dass ihr Hecheln, Japsen, Keuchen, Ächzen einen nicht hinterfragbaren Sinn hat? Mehr noch: Die Invektiven gegen Hartz-IVler und Plagiatoren sind immer auch ein Sinnstiftungsversuch derjenigen, die uneingestandene Zweifel beschleichen, die heimlich einen Neid nähren gegen die Arbeitslosen und deren Möglichkeit der Muße. Glück ohne Macht, Lohn ohne Arbeit, Titel ohne Mühsal sind verpönt, weil insgeheim verlangt. Von "pathischer Projektion" spricht man in solchen Fällen, wo einer, was er begehrt, nur negativ erreichen kann, indem er es zerstört.

Die Neigung zum Ölschinken

Geduldet blieb dieser Traum des Lohns ohne Arbeit nur als Ausnahmefall, etwa in der Kunst. Das beste Beispiel ist hier das Werk Marcel Duchamps, Kunst, die jeglicher Mühe enthoben zu sein scheint. Das Wunder, oder besser: der Witz des Readymade besteht darin, dass es in einer bereits voll entfalteten Arbeitsgesellschaft nicht nur in einem Jenseits von Arbeit schwelgt, sondern auch noch deren Grundlage zertrümmert. "For it is labour indeed that put the difference of value on everything", hieß es seit Locke.  Duchamp hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Arbeit? Ach was, die Idee veredelt, die Narretei. Und so braucht der Künstler nichts weiter zu tun, als einen Flaschenöffner zu nehmen und ihn ins Museum zu stellen, um dessen Wert sogleich ins Unermessliche zu steigert. Was für ein fauler Trick!

Außerhalb der Sonderzonen galt aber weiter, was schon der alte Aristokrat Michel de Montaigne beklagte: Dass in der Welt nur die Dinge zählen, die mit Schweiß erkauft wurden oder wehtun. Das Angenehme sei verdächtig. Wobei wir heute erleben können, wie selbst die Kunst von diesem Verdacht ergriffen und umgekrempelt wird. Die Neigung zum Ölschinken (Daniel Richter), zur Großinstallation (Jonathan Meese) oder zur aufwendigen Frickelei (Thomas Demand) bei den Künstlern der Stunde zeigt, dass die allgemeine Wertschätzung verstärkt deren Schweiß ehrt. Mehr noch zu denken jedoch gibt der Umstand, dass Künstler einen Mehrwert produzieren müssen, um gesellschaftlich bestehen zu können und staatlich gefördert zu werden. Das hat uns die Wortschöpfung der "Kreativwirtschaft" beschert, den Unternehmensberatern ein neues Arbeitsfeld, und den Künstlern in den urbanen Zentren die Rolle von Stadtentwicklern.