Das Theater ist die immobilste aller Künste. Natürlich herrscht auf der Bühne in der Regel viel Bewegung, im schlimmsten Fall: Gehampel. Inszenierungen als solche lassen sich aber nur mit hohem logistischen Aufwand durch die Welt transportieren.

Das Berliner Theatertreffen, das in diesem Jahr sein 50. Jubiläum begeht, ist eine logistische Kraftanstrengung der Sonderklasse. Die Jury wählt jedes Jahr aus dem deutschsprachigen Raum zehn bemerkenswerte Inszenierungen, wie es offiziell heißt, aus. Die werden dann im Mai nach Berlin verfrachtet. Wer sich fürs Theater interessiert, kann sich dort also am Stück anschauen, was auf der Bühne state of the art ist.

Der Begriff "Stadttheater" wurde seit den 68ern immer gerne pejorativ verwendet – als kulturbürgerliche Institution des bloß schönen Scheins, der Routine und des Kunsthandwerks. Das war schon immer kokett. Aber jetzt, da die Kulturbudgets und damit die Institutionen immer mehr unter Druck geraten, gewinnt das Wort wieder an Glanz – weil die Sache, für die es steht, bedroht ist. Sie verbindet Freiheit und Verlässlichkeit, Experiment und Tradition auf besondere Weise, sie ist ein Teil unserer Lebensform und lässt uns einzig dastehen in der Welt.

Wie fühlen sich also zwei Wochen Theatertreffen an? Natürlich folgt auch hier nicht eine euphorische Erfahrung der nächsten. Wie immer im Leben wird man vieles mittelmäßig, manches ärgerlich und nur weniges aufregend und ganz und gar beglückend finden. Aber dieses gemischte Gefühl kriegt man auf höchstem professionellen Niveau.

Eine wichtige Erfahrung: Theater ist eine radikale Individualitätsangelegenheit. So wenig sich je zwei Inszenierungen desselben Stückes auch nur aus der Ferne gleichen, so radikal verschieden ist das Rezeptionserlebnis jedes einzelnen Zuschauers. Selten gibt es so wenig Konsens wie im Pausen-Smalltalk im Theaterfoyer.

Medea als Gegenentwurf des Patchworkmodells

Eröffnet wurde das Theatertreffen in diesem Jahr mit Michael Thalheimers Medea (Schauspiel Frankfurt). Wer, wie ich, von der Literatur kommt, der hadert oft mit dem deutschen Theater, weil es ihn verdrießt, wie wenig die Regisseure der Kraft von Texten vertrauen. (In meinen grimmigen Momenten wünsche ich mir dann konzertante Aufführungen der Klassiker...) 

Constanze Becker als Medea in Michael Thalheimers Inszenierung

Wie anders Thalheimer. Dabei scheint Euripides' Drama unserem eigenen Gegenwartsbewusstsein sehr fern zu sein. Medea fühlt sich von Jason, dem sie zwei Kinder geschenkt hat, verraten, weil der sie für eine Königstochter sitzen gelassen hat. Ihr Groll, ihr Hass ist so elementar, dass es ihr nur noch um Vernichtung geht. Selbst die Mutterliebe spielt keine Rolle mehr, sie tötet ihre Kinder, um ihren untreuen Mann bis ins Mark zu treffen.

Also das ziemlich genaue Gegenteil unseres heutigen Familien-Patchworkmodells, wo man die Partner ohne größere Blessuren und im besten Fall ohne nachtragenden Zorn verlässt, aber familienpolitisch die Maxime gilt: Das Kindeswohl muss im Zentrum stehen!

Die großartige Constanze Becker spielt diese Medea, und sie tut es mit der ganzen Wucht einer antikischen Tragödin. Das zieht einem den Boden unter den Füßen weg, da braucht es keine Regie-Mätzchen, um zu provozieren. Die Klassiker sind von sich aus schon provokant genug.

Und dann plötzlich, wenn Medea und Jason sich gegenseitig angiften, Vorwürfe machen und das Verhalten des anderen infrage stellen, denkt man: Die Dramaturgie eines echten Beziehungszweikampfes ist ohnehin zeitlos. Vielleicht mit einem Unterschied: Die alten Griechen haben sich, zumindest auf dem Theater, nie selbst belogen. Medea ist auch deswegen so furchtbar, so ungeheuerlich, weil ihre eigene Ungeheuerlichkeit ihr völlig klar vor Augen steht und sie diese auch ausspricht und nicht bemäntelt. Hier macht sich keiner etwas vor über seine elementaren Affekte.