Es ist nicht einfach, in diesen Tagen Korhan Gümüş  zu treffen. Dreimal sagt der Mann, der die Proteste in Istanbul initiiert hat, kurzfristig ab. Mal trifft der Architekt Mitstreiter in einem Kulturzentrum, mal hat er einen spontanen Termin mit dem Istanbuler Bürgermeister. Zum Treffen in einem Restaurant nahe des Taksim-Platzes kommt Gümüş etwas abgehetzt und verschwitzt an, die Zeitungen des Tages unter den Arm geklemmt.

ZEIT ONLINE: Herr Gümüş, warum ist der Taksim-Platz so wichtig?

Korhan Gümüş: Weil er symbolisch aufgeladen ist, seit Jahrzehnten ist er Ort ideologischer Kämpfe. Anfangs, nach der Gründung der Republik, ignorierte der Staat Istanbul eine Zeit lang und konzentrierte sich auf die neue Hauptstadt Ankara. Dann aber, in den vierziger Jahren, wollte man ein Zeichen setzen. Die Regierung begann, den Platz nach ihrer republikanischen Ideologie umzubauen. Sie wollte allen zeigen, wie modernes Leben aussieht, den öffentlichen Raum nach dem Vorbild europäischer Bürgerstädte gestalten. Sie bauten eine Oper, ein Stadion, einen großen Platz. Damit hat das Problem begonnen.

ZEIT ONLINE: Welches Problem? 

Gümüş: Der Konflikt mit den islamisch-religiösen Nationalisten. Die sagten: Oper ist etwas für die westliche Elite, wir wollen das nicht. Ihr Wunsch war es immer, auf dem Platz eine Moschee zu bauen. Zwischen diesen beiden ideologischen Polen geht die Zivilgesellschaft völlig unter.  

"Die Städte und der Raum sind ihr Kampfplatz"

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Gümüş: Man kann das gut an Erdoğan selbst zeigen. Er hat ein Taksim-Trauma. Als er Bürgermeister von Istanbul war, wollte er unbedingt eine Moschee auf dem Platz bauen. Daraus wurde nichts, seine damalige Partei wurde verboten, Erdoğan kam ins Gefängnis. Später wurde, sozusagen als kleinere Lösung, ein Museum für die Eroberung Istanbuls gebaut, und zwar in Topkapi. Das ist der andere wichtige öffentliche Ort in Istanbul, er liegt auf der anderen Seite des Goldenen Horns, ist sozusagen der Gegenpart zu Taksim. So hatten die Kemalisten auf der einen Seite gebaut und die Religiösen auf der anderen. 

Beide Seiten missbrauchen den öffentlichen Raum, um ihre Ideologien zu stärken und zu repräsentieren. Beide Lager denken nationalistisch und zentralistisch, die Bürger sind ihnen egal, die Städte und der Raum sind ihr Kampfplatz. Die Stadt ist das Objekt, das ideologisch gestaltet wird, sie hat keinen eigenen Wert. Das ist kolonialistisch.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das konkret für die Gestaltung des Taksim-Platzes?

Gümüş: Es bedeutet, dass alles von oben vorgegeben ist. Alle sind abhängig, niemand kann frei handeln. Die Leute in der Stadtverwaltung können nicht offen reden, weil sie von den politisch Mächtigen abhängen. Die Bauunternehmer sind abhängig vom Geld und von ihren Auftraggebern. Seit wir vor zwei Jahren die Taksim Platform gegründet haben, haben wir die Architekten immer wieder eingeladen. Aber die sagen: Wir können nichts machen, wir führen nur technisch aus, was Erdoğan will.


ZEIT ONLINE: Wie ist es nun zu den Protesten gekommen?

Gümüş: Ich wusste schon als Erdoğan an die Macht kam, dass er den Taksim-Platz umgestalten will. Als es dann konkret wurde, habe ich verschiedene Leute eingeladen, wir haben die Plattform gegründet, weil wir sahen: über dieses riesige Bauprojekt wurde vorher überhaupt nicht diskutiert! Die normalen Leute kriegen das erst mit, wenn schon alles entschieden ist. Ich glaube nicht daran, dass Bauprojekte im öffentlichen Raum einfach nach Marktgesetzen funktionieren sollten, das sind immer auch politische Entscheidungen. Die verschiedenen Teile des Platzes werden ja noch nicht mal gemeinsam abgestimmt und geplant. Alles läuft getrennt: Das neue Opernhaus, die Kongresshalle, das Shoppingcenter. Deshalb haben wir versucht, das Taksim-Projekt transparent zu machen, darüber zu informieren.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Verantwortlichen reagiert, als Sie versucht haben, die Pläne mit ihnen zu diskutieren?

Gümüş: Sie reden nicht mit uns. Wir haben sie eingeladen, aber sie sind nicht gekommen. Der Premierminister setzt sie unter Druck. Das zwingt uns in eine Gegner-Rolle zu ihnen, dabei wollen wir das gar nicht. Wir möchten eine erfolgreiche, gemeinsame Lösung.