Ist das Boot voll, ist Deutschland überbevölkert. Wer unsere Debatte über eine drohende Flüchtlingszuwanderung verfolgt, muss zu diesem Urteil kommen. Vielleicht denkt man an die Staus auf den Autobahnen, an die Suche nach einem Parkplatz, an den Wohnungsmangel.

In Wahrheit ist dieses Land unterbevölkert. Wohnhäuser und Läden stehen vielerorts leer, Schulen und Rathäuser sind geschlossen. Man kann das in vielen ländlichen Regionen beobachten, vor allem im Osten.

Kürzlich war ich in Dessau. Im Anhaltischen Theater gab es die Premiere von Ibsens Nora. Von den 1.100 Plätzen war weniger als die Hälfte besetzt. Im Restaurant, das vielleicht 200 Personen hätte bewirten können, saßen etwa 20. Bei einer Fahrt durch die im Krieg fast vollständig zerstörte Stadt sah ich riesige Flächen aufgelassener Industrie, leer stehende Häuser, frisch asphaltierte Straßen und kaum irgendwo Menschen.

Ganz in der Nähe liegt Wörlitz, das zauberhafte Gartenreich des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau (1740 bis 1817). Auf 142 Quadratkilometern gibt es 5 Schlösser, 6 Parkanlagen mit Seen und 111 kleinere Architekturdenkmäler. Der Fürst liebte jedoch nicht nur die Künste. Er modernisierte die Land- und Forstwirtschaft, er überwachte die Schulpflicht und führte Impfungen ein.

Der Fürst, den die Landeskinder Vater Franz nannten, weil er gut für sie sorgte, war ein aufgeklärter Despot, ein gebildeter Mann voller Tatendrang und Erneuerungslust.

Als ich das sah, geriet ich in einen Traum. Ich sah den Fürsten, wie er angesichts des Menschenmangels einen reitenden Boten nach Lampedusa schickte und die Flüchtlinge nach Anhalt bat. Er versprach ihnen Grund und Boden, die Einrichtung von Werkstätten und Wohnungen. In den Kleinstädten seines Fürstentums standen ohnedies viele Häuser leer. 

Der Fürst erinnerte sich an die russischen Zaren, die Bauern, Handwerker und Fachleute aus fernen Ländern in ihr schwach bevölkertes Reich geholt hatten. Er dachte an die Armutsflüchtlinge Europas, die nach Texas oder Brasilien oder Uruguay gingen und Land erhielten, um es zu besiedeln und zu bewirtschaften.

Vater Franz würde, wenn er noch lebte, die Asylanten in ein kühnes Programm der Neubesiedelung und Regeneration einbinden. Er fände es absurd, dass kräftige Männer nicht arbeiten dürfen. Natürlich wäre er autoritär. Er würde den Einwanderern sagen, wo sie zu wohnen und was sie zu tun hätten. Aber er wäre klug genug, ihre Fertigkeiten zu nutzen und zu steigern.

Ja, das ist bloß eine Fantasie. Wir leben in einer Demokratie, in der jeder zuständig ist, aber keiner verantwortlich; in einem Regelungsstaat, der radikale Initiativen bürokratisch umzingelt.

Natürlich müssen die Politiker auf jene Alteingesessenen achten, die sich vor dunkelhäutigen Menschen fürchten. Aber würde man einem nennenswerten Kollektiv von Immigranten die Chance der Bewährung geben und hätten sie schließlich einen Erfolg, der dem ganzen Landstrich zugute käme, würde der Widerstand schwinden.

Es mangelt hierzulande an Menschen, doch Fremde wollen wir nicht haben.

Wenn das nicht absurd ist.