Da schreien die Ausrufezeichen!! – Seite 1

Manche Neuerungen sind einfach irgendwann da, andere werden der Welt angekündigt, eingebläut und übergestülpt. Die deutsche Ausgabe der Internetinstitution Huffington Post gehört zur zweiten Kategorie. Ihr Start wurde bedeutungsschwanger auf den 10.10. um 10.10 Uhr terminiert; eine digitale Uhr zeigte die eins-null-eins-null-eins-null-eins-null. Welches Datum könnte besser einen digitalen Anfang symbolisieren?



Die Frage ist nun, ob die Huffington Post Deutschland, die unter dem Dach des Burda-Verlags erscheint und mit Focus Online kooperiert, mit Bedeutung nur schwanger geht oder sie auch irgendwann gebiert. Ob sie Substanz liefert oder nur steile Überschriften und Klickanreize. Ob sie Glaubwürdigkeit, Analysen, neue Stilformen, Experimente, wichtige Recherchen und differenzierte Inhalte verkauft. Oder eher mit Nutzerzahlen und Content dealt.


Die ersten Inhalte, die am Donnerstag zu sehen waren, lassen zwar nur einen ersten Eindruck zu, aber doch eine Vermutung: Kategorie zwei. Ein neues Medium braucht natürlich ein wenig Anlaufzeit, zumal der Chefredakteur, Sebastian Matthes, noch gar nicht da ist; er ist noch für eine kurze Übergangszeit bei seinem alten Arbeitgeber tätig, der Wirtschaftswoche. Man kann aber schon erahnen, dass es sich bei der Huffington Post Deutschland nicht nur um ein politisch eher konservatives, wirtschaftlich eher unternehmerfreundliches und ästhetisch recht ambitionsloses Portal handelt. Sondern auch um eines, das dafür offensichtlich mit einem Programm arbeitet, das Ausrufezeichen mit der Schöpfkelle über die Überschriften streut: "Toilette defekt!" – "Pleite! Zerschlagung! Untergang!" – "Elektronisch Lesen macht mehr Spaß!" – "Ohrfeige für Wagenknecht!" – "O sole mio!" – "Erster Schnee am Donnerstag!" – "Immer mehr Kohle in der Tasche!" – "Gesamtes Guthaben weg!"


Die erste Aufmachergeschichte der deutschen HuffPo, die mit dem Kürzel HUP wohl angemessener abgekürzt wäre, lautete: "Regiert endlich!" In den Großbuchstaben, die man nicht nur beim US-Original, sondern auch auf einer bunten Zeitung aus Deutschland schon mal gesehen zu haben glaubt, wird behauptet: "Schon jeder Dritte Deutsche will Neuwahlen". Und: "Immer mehr Deutsche haben genug vom Koalitionspoker" – eine Aussage, die sich aus zugehörigen Text nicht lesen lässt. 33 Prozent der Deutschen haben demnach die Frage eines von der Huffington Post beauftragten Umfrageinstituts, "Würden Sie aktuell Neuwahlen begrüßen oder nicht?", mit "Ja" beantwortet. Wer von ihnen "genug vom Koalitionspoker" habe, wurde nicht gefragt.

Der Aufmacher der deutschen "Huffington Post" am 10. Oktober © huffingtonpost.de/​Screenshot ZEIT ONLINE


Dazu kommt ein Ressort namens "Good", dessen Inhalt, grob gesagt, das Glück ist. Arianna Huffington, die 2005 die mittlerweile große HuffPo in den USA gegründet hat,  nennt es in ihrem Grußwort "das Dritte Metrum". Das werde "durch die Faktoren Wohlbefinden, Weisheit, Begeisterungsfähigkeit, Hingabe und die Bereitschaft etwas zurückzugeben definiert". Dieses Metrum zu beleuchten, werde einen "großen Teil" der Mission ausmachen. Was sich herrlich als verschriftlichte Yogaübung verspotten ließe, muss keine schlechte Idee sein: Eine zentrale Glücksjournalismusplattform gibt es in Deutschland tatsächlich bislang nicht. So ein Modell könnte sogar funktionieren.


Zu den redaktionseigenen Inhalten, die zunächst von einem Team mit 15 Journalisten erstellt werden, kommen Blogs. Das Konzept hatte in Deutschland schon vor dem Start für Kritik gesorgt, weil die Autoren mit Aufmerksamkeit, nicht aber mit Honoraren bezahlt werden. In zahlreichen Medien wurde etwa der Blogger Kai Petermann zitiert, der, um regelmäßige unbezahlte Mitarbeit gebeten, geantwortet hatte: "Ich gebe Ihren Vorschlag gern an meinen Vermieter, den Lebensmittelhändler, den Tankwart und die Telekom weiter. Vielleicht kann ich in Zukunft dort ja ebenfalls ohne Bezahlung alle möglichen Dinge bekommen."

Gastautoren sind Boris Becker, Ursula von der Leyen und René Obermann


Lustigerweise war Petermann damit der erste Blogger, dem die deutsche Huffington Post zu größerer Bekanntheit verholfen hat. Und man kann davon ausgehen, dass sich andere finden werden, die umso lieber mitspielen. Zumal Leute, deren Geschäftsmodell darin besteht, öffentlich präsent zu sein. Die deutsche HuffPo eröffnete ihren Blogbereich am Donnerstag jedenfalls mit Beiträgen von drei Unionspolitikern, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, der CSU-Netzpolitikerin Dorothee Bär und dem Parlamentsneuling und Schauspieler Charles M. Huber. Dazu schrieb René Obermann – am Nachmittag der Seitenaufmacher – über das "Netz der Zukunft", der Telekom-Chef also, ein Mann mit Eigeninteresse.

Boris Becker verfasste eine Kolumne, in deren erster Zeile er den Titel seines neuen Buchs unterbrachte. Dazu: Grußworte vom Editorial Director der HuffPo, Cherno Jobatey, und vom Chefredakteur. Wenn demnächst Hartmut Mehdorn darüber bloggt, warum der Bau des Flughafens Berlin-Schönefeld super läuft, muss man nicht überrascht sein.


Ein wenig einfallslos wirkt, dass Arianna Huffington und ihr deutsches Team nur gut abgehangene Visionen bemühen. Huffington sagte bei der Pressekonferenz am Donnerstagmorgen in München, in ihrem Konzept seien die Hierarchien aufgehoben; es sehe vor, dass direkt neben einem Text von Frankreichs Staatspräsident François Hollande der eines unbekannten Jugendlichen stehen könne. Auch das Versprechen, den News Space zu demokratisieren, wurde neu aufgelegt.


Nur kann und darf glücklicherweise schon jetzt jede und jeder nach Gusto herummeinen. Dass ein weiteres Portal mit Gewinninteresse mehr Vielfalt in der heutigen Medienwelt schaffen soll, das glauben die Macher selbst nicht. In drei bis fünf Jahren, so das ehrgeizige Ziel, soll die HuffPo zu den fünf größten Anbietern in Deutschland gehören. 

Es ist ein Portal, das zwar einige eigene Inhalte erstellt, vor allem aber vorhandene aggregiert. Das auf Halbprominenz, steile Überschriften und die Bestätigung der vorhandenen medialen Themenagenda setzt. Die Huffington Post Deutschland ist – zumindest dem ersten Eindruck nach – kein Vielfaltsproduzent, sondern ein Vereinheitlicher.