Die Berufspolitiker, die meisten jedenfalls, haben Jürgen Leinemann respektiert und geschätzt, bisweilen auch gefürchtet. Manche mieden ihn, andere wieder suchten geradezu seine Nähe, auch seinen Rat. Nahezu alle lasen seine Geschichten im Spiegel, auch wenn sie es nicht zugaben. Wenn nicht aus Neigung, dann doch aus Neugier.

Seine wichtigsten Stücke kannten auch jene, die genau das zu bestreiten pflegten, Helmut Kohl zum Beispiel. An Leinemanns Analysen des Personals der deutschen Politik, an seiner Beschreibung der Defizite, Schwächen und Abhängigkeiten der politischen Klasse kam auf Dauer keiner vorbei. Am wenigsten natürlich unsereiner. Für seine Kolleginnen und Kollegen setzte Jürgen in seiner Arbeit Maßstäbe über seine aktive Zeit als Autor hinaus.

Draußen Vietnam,  drinnen Watergate

Er war seit den 1960er Jahren im Geschäft, hatte in Washington für die Deutsche Presse-Agentur begonnen und war 1971 zum Spiegel gewechselt. Eine aufregende Zeit. Draußen Vietnam, drinnen Watergate. Und überall Nixon, den der junge Korrespondent für den Repräsentanten des Bösen hielt. "Ich begann Richard Nixon zu hassen", schreibt er später rückblickend. Er verfolgte "Tricky Dick" ruhelos und mit einer aggressiven Leidenschaft, die "wahnhafte Züge" angenommen hatte.

In dieser Phase begann Jürgen Leinemanns Alkoholabhängigkeit, die Sucht, über die er offen gesprochen und schließlich auch ein Buch geschrieben hat, später, als er sein Alkoholproblem in Deutschland mit fachlicher Hilfe unter Kontrolle bekommen hatte. Der offene Austausch über die Höhen und Tiefen dieses Kampfes um die eigene Souveränität gehört zu unvergesslichen Erinnerungen, die sich mit Jürgen, dem Freund, verbinden.

Ich habe die Hölle gesehen. Ich kenne euch.

Jürgen, der Kollege, hat die eigenen Erfahrungen und Kenntnisse aus der Hölle der Abhängigkeit auf die Sphäre der Politik übertragen, als Reporter und als Buchautor. Der Titel des Bestsellers zu diesem Thema, Höhenrausch, wurde im Berliner politischen Milieu zum Codewort für die psychischen Verwerfungen und Verluste, die dort gang und gäbe sind. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker lautet der Untertitel und im Text widmete sich Jürgen Leinemann dementsprechend der verhängnisvollen Wirkung der "Droge Politik", an die sich nicht nur "die Politiker" gewöhnen.

Wie ertappt fühlten sich viele nach der Lektüre. Der Höhenrausch war lange Zeit Thema Nummer eins in Berlin-Mitte. Einer, der gerade erst ein Vollbad in diesem Drogenpool genommen hatte, sagte vor Kurzem im kleinen Kreis: "Da ist viel dran – aber abhängig? Nein, das bin ich nicht." Jürgen Leinemann hätte darüber gelacht. Oder besser gesagt: gelächelt. Er war sich seiner Sache, auch seiner Pauschaldiagnose, durchaus sicher. Die Grenzen zur Abhängigkeit, egal bei welchem Suchtmittel, hat er sehr eng gezogen. Sein Argument: Mir könnt ihr nichts vormachen, ich habe die Hölle gesehen. Ich kenne das. Und ich kenne euch.