Man würde zu gern wissen, ob Sido klüger ist als seine Gefühle. Oder ob seine Gefühle stärker sind als seine Intelligenz. Das ist keine unwichtige Frage. Und die Antwort steht jetzt mal an. Denn von ihr hängt ab, wie ernst man Sido nehmen darf. Einen Mann, der von sich sagt: Ohne ihn sei deutscher Hip-Hop "nur ein Kinderspielplatz", was dann doch klar für Letzteres spricht, nämlich dafür, dass er von dem Drang gesteuert ist, das Falsche zu sagen. Mag es auch sein, um das Richtige zu tun, also erst mal krass Aufmerksamkeit zu erregen. Helge Schneider würde "bombekrass" sagen, aber dazu später.

Die Pose des Proleten wider besseres Wissen einzunehmen, ist vielleicht die größte Sünde, die ein Künstler begehen kann. Diesen Verrat am eigenen Talent hat man Sido oft vorgeworfen. Und der arbeitet dagegen mit einer nicht enden wollenden Reihe von Ich-Alben an. Das nun erschienene 30-11-80 (Universal) ist wieder eins, es führt Sidos Geburtsdatum im Titel und soll von nichts anderem als Sido handeln. Glücklicherweise tut es das nicht. Denn was Sido als vermeintlicher Gangsta-Rapper, dann als Straßenjunge der Welt an Authentizität zu geben hatte, ist verpufft. Stattdessen hat er sich zuletzt mit einem Song über ein Fotoalbum ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Ein netter Pop-Hit, mit einem aufmunternd wippenden Groove und einer Kindermelodie.

Ein Genre betritt gemeinhin seine interessanteste Phase, wenn Newcomer es an sich reißen. Sido war vor nun auch schon wieder bald zehn Jahren ein solch neues Gesicht, wobei er seines hinter einer Totenkopfmaske verbarg. Er zerrte den deutschen Hip-Hop, der bis dahin die Domäne reimender Abiturienten gewesen war, energisch Richtung Fäkaltank. So offen vulgär hatte sich die sogenannte Unterschicht bis dahin noch nicht zu Wort gemeldet. Es ging in dem brodelnden Sud aus häuslicher Gewalt und Vernachlässigung, Spucke und Blut beinahe unter, dass mit dem damals 23-jährigen Burschen aus dem Märkischen Viertel ein Erzähler des psychosozialen Realismus ins Rampenlicht trat.


"Provokant bis auf's Blut" – das ist vorbei

Die Worte, die Sido fand, waren von überzeugender Schlichtheit. Er benutzte die Sprache wie ein Alltags-, nicht wie ein Szeneding. Sidos Hass auf alle Sozialarbeiter-Utopien war 2004 das Alarmsignal, dessen schriller Dauerton längst erwartet worden war und entsprechend ernster genommen wurde, als es nötig gewesen wäre. Aber der Rapper war eben von Anfang an ein großartiger Erzähler (Mein Block), wenn er sich nicht gerade als "intelligentes Drogenopfer" stilisierte. Sein erklärtes Vorbild: Zille, der Zeichner des Berliner Milljöhs.

Aber das ging unter in dem Radau, der die neuen Schmuddelkinder des Labels Aggro Berlin umgab. "Es war einmal", rappt Sido jetzt über jene Zeit und will ein anderer Mensch geworden sein. "Arrogant, provokant, bis auf's Blut / Voller Hass, voller Wut, ja so war ich mal." Mit Anfang 30 versteht er "das Gerede" um "den alten Scheiß" nicht länger.

Als wäre es nur der alte Bockmist, der ihn verfolgt. Im Mai erst soll er einen Clubbetreiber in Berlin niedergeschlagen haben, mit einer Sektflasche, was Sido bestreitet. 2009 wurde Sido beim Fahren ohne Führerschein erwischt. Und im Oktober vergangenen Jahres wurde er handgreiflich gegenüber einem österreichischen Klatschreporter.