In den Koalitionsgesprächen spielt die Volksabstimmung eine strittige Rolle. Das Grundgesetz sagt davon nichts, mit Ausnahme von Artikel 29. Es legt die Regularien einer repräsentativen Demokratie fest, nicht die einer direkten.

Der Volksentscheid genießt einen guten Ruf, weil er, jedenfalls dem Anschein nach, die Demokratie demokratischer macht. Die Bürger hätten die Chance, unmittelbar politische Entscheidungen zu fällen. Wäre das gut?

Zuweilen ist es nützlich, alte Bücher zu lesen. Werner Bergengruens Roman Der Großtyrann und das Gericht, der 1935 erschienen ist, enthält Passagen, die geeignet sind, das Problem schärfer in den Blick zu nehmen.

Der Roman war seinerzeit ein gewaltiger Erfolg. Er wurde als Kritik an Hitler verstanden. Wer ihn heute liest, kann das nicht ohne Weiteres verstehen. Der Großtyrann jedenfalls wird als ein scharfsinniger Mann geschildert, der philosophischen Reflexionen zuneigt. Zwar ist er ein Machtmensch, am Ende jedoch, als er in dem Mordfall, um den es geht, das Urteil fällt, bittet er die Parteien wegen seines Machtmissbrauchs um Vergebung.

Die Geschichte spielt in einem italienischen Stadtstaat des späten Mittelalters. Die Passage, die hier interessiert, ist ein Gespräch zwischen dem Machthaber und einem Rechtsgelehrten. Dieser entgegnet, als ihm der Großtyrann seine Zweifel bei wichtigen Entscheidungen gesteht, er sei doch nicht anderes als der Wille des Volkes.

Es heißt: "'Hältst du mich dafür?', unterbrach ihn der Großtyrann mit einem Lächeln des Selbstspottes. 'Nun, ich weiß, dass ich nicht der Wille des Volkes bin. Und gleichwohl magst du recht haben. Denn es hat ja alles Geschaffene und auch der Mensch außer seinem offenbaren noch einen ihm selber verborgenen Willen." Und dann: "Ich bin der verborgene Wille des Volkes. Denn das Volk will nicht nur tagewerken und essen, hadern und Kinder zeugen, sondern es hat auch den Willen, ein erhöhtes Bild seiner selbst zu gewinnen.'"

Im Folgenden kreist das Gespräch um jenes Problem, das Rousseau mit seiner berühmten Unterscheidung so gefasst hat: Die volonté générale, wörtlich der allgemeine Wille, repräsentiert das Gemeinwohl. Mit dem Großtyrannen könnte man sagen: Sie ist der verborgene Wille.

Die volonté de tous, wörtlich: der Wille aller, ist hingegen die Summe der Einzelinteressen, sie ist der offenbare Wille – wie er sich in Volksentscheiden zeigt, die spezielle, situative Bedürfnisse zum Ausdruck bringen. Das repräsentative System hingegen vermittelt diese Bedürfnisse über viele Stationen hinweg und verkörpert somit das Interesse aller.

Diese Interpretation ist angreifbar und von Rousseau weit entfernt. Interessant aber ist, dass Andrea Nahles, die mit ihrer SPD für die Volksabstimmung wirbt, Befürchtungen entgegentritt, es könnte damit ein antieuropäisches Instrument entstehen. "Grundaxiome der Europäischen Gemeinschaft", sagt sie, sollten "ausgeklammert" werden.

Da haben wir den Willen, der dem Volk selber bislang verborgen geblieben ist. Europakritik ist bloß die volonté de tous. Sie darf sich nicht ungeleitet Bahn verschaffen. Der Brüsseler Eurokratie steht außer Debatte, sie ist die volonté générale.

Es sieht fast so aus, als hätten der Großtyrann und die Große Koalition gewisse Ähnlichkeiten.