Wie soll man bloß durchsteigen zu Nymphomaniac, bei so viel Hype, so vielen Gerüchten? Lars von Triers monströse Sexorgie! Das neueste Werk vom Großmeister der Manipulation! Der Film, in dem die Stars sich alle nackt ausziehen! Und: Hier kämpft ein dänischer Weltklassekünstler dafür, dass wir unsere Triebe ausleben dürfen!

Hoffentlich zieht der Rummel, geschickt gestreut und genutzt von den Film-Werbern, viele Zuschauer an. Doch im Kino sollte man ihn gleich vergessen, denn Nymphomaniac erschafft eine eigene Welt. Und verdient es, unter seinen eigenen Vorzeichen gesehen zu werden.

Eine Nymphomanin erzählt einer männlichen Jungfrau ihr Sexualleben, in acht Kapiteln. Joe (Charlotte Gainsbourg) hatte Tausende von Männern. Der ältere Junggeselle Seligman (Stellan Skarsgård), der mit seinen Büchern in einer dunklen Wohnung lebt, hat nie eine Frau berührt. Der Film beginnt damit, dass er sie im Hof seines Wohnhauses auffindet, verletzt und blutüberströmt. Eine Mauer reflektiert die untergehende Sonne, anderes Licht gibt es nicht.

Joe liegt halbtot da, weggeworfen wie Müll. Sie sagt, sie verdiene es nicht anders; sie sei ein schlechter Mensch. Seligman kann das nicht gelten lassen, seiner Philosophie zufolge gibt es keine schlechten Menschen. Joe erzählt ihm ihr unersättliches Leben voller Zufallsbegegnungen und zügellosem Hedonismus, sie erzählt von Niederlagen und blutenden Geschlechtsteilen. Er revanchiert sich mit Einschüben enzyklopädischer Art, die sie mal nerven, mal faszinieren.

Weltpremiere auf der Berlinale

Ihr Gesprächston bleibt elegant und distinguiert, egal, über welche drastischen und grausamen Dinge sie reden. Es geht um Profanes, aber hier wird ein ethischer Fall ausgebreitet, aus verschiedenen moralischen Perspektiven. Nicht zum ersten Mal scheint sich Lars von Trier hier an den Schreibmethoden des Marquis de Sade zu orientieren – etwa dem Gespräch zwischen einem Priester und einem Sterbenden (1782) oder der Philosophie im Boudoir (1795).

Seligmans weitschweifige Exkurse verleihen Nymphomaniac seine Tiefe. Die Bilder aber sind es, in denen sich die Geschichte konkret manifestiert. Sie zeigen Joe in verschiedenen Lebensaltern: Sie hat Sex mit zahlreichen Männern, manchmal sind ihre Orgasmen von unaufhaltsamer Wucht, manchmal bleiben sie aus, egal, wie heftig und häufig sie sich auch darum bemüht. Manche Episoden sind pornografisch, aber die sexualisierte Ästhetik wird immer allumfassender, und bald wirkt der Anblick geradezu normal.

Am ersten Weihnachtsfeiertag wurde Nymphomaniac ohne großen Premierenaufwand in Kopenhagen uraufgeführt – und läuft nun in Dänemark in einer Vierstundenfassung. Der Director’s Cut ist fünfeinhalb Stunden lang – der erste Teil davon wird als Weltpremiere auf der Berlinale gezeigt. In den meisten Ländern werden die Teile 1 und 2 getrennt gezeigt, in Deutschland kommt Volume 1 nach der Berlinale ins Kino, Volume 2 im April. Ob dieses zeitliche Auseinander eine gute Idee ist? Der erste und leichtere Teil steht vor den düsteren Ritualen des zweiten – und der ergibt kaum einen Sinn, wenn man nicht Joes Lehrjahre bereits kennt, vom Heranwachsen bis zur Midlife Crisis.