Der niedrige Kneipentisch wackelt, als Marina M. Llorente ihre Kerze auf ihm abstellt. "Wenn ich sie anmache, bedeutet das: Das Stück beginnt. Wenn ich fertig bin, blase ich sie wieder aus", sagt sie mit spanischem Akzent und zündet die weiße Wachskerze an. Mit einem Ruck hebt die 27-Jährige ihren Kopf und schaut in die Runde. "And I want to play hide-and-seek", spricht sie und wiederholt den Satz, ihre Augen diesmal starr auf einen der Gäste am Tisch gerichtet. Der folgenden Monolog ist auf Englisch frei nach Sarah Kanes Crave. Er dauert etwa fünf Minuten, in denen die Schauspielerin eine intensive, zerrissene Liebeserklärung an die am Tisch Sitzenden richtet.

Die Gruppe Theater am Tisch spielt in Restaurants, Bars und Cafés, an diesem Dienstag im Dezember in einer Kneipe in Berlin-Kreuzberg. Wer Lust darauf hat, bestellt sich zu seinem Bier, Wein oder frischen Minztee einen Theatergang. Auf der Menü-Karte können die Gäste für ein paar Euro zwischen mehreren kurzen Monologen und Dialogen wählen.

Seit 2010 spielt das Theaterkollektiv zusammen; gefunden haben sich die Mitglieder über eine Anzeige der Mailänderin Serena Schmidt. Die 27-jährige Designerin hatte das Konzept in ihrer Heimat entwickelt und ausprobiert. In Berlin fand sie schnell neue Schauspieler. "Hier leben Menschen aus der ganzen Welt", sagt die deutsch-spanische Schauspielerin Amor Schumacher. "Unsere Gruppe setzt sich aus Spaniern, Italienern, Deutschen und einer Australierin zusammen." 

An diesem Abend sind vier der neun Schauspieler mit dabei. Mal spielen sie in einer Nische vor einem Paar, mal in einer großen Runde, mit Sekt auf dem Tisch, oder auf einer Hochbettkonstruktion, auf der es auch einen Tisch gibt. Einige der Gäste verharren während der Kurzvorstellungen in ihren Positionen, sie schauen einander verstohlen an, kichern nervös oder gehen mit bei dem, was ihnen am Tisch geboten wird. 

Theater am Tisch versteht sich als Volkstheater – ohne die imaginäre Wand zwischen Akteuren und Zuschauern. "Es ist etwas ganz anderes, so nah und schrankenlos mitten im Publikum zu spielen", sagt der Baske Eneko Sanz. "Für viele Zuschauer ist es eine Herausforderung, so direkt mit Theater konfrontiert zu werden."

Geprobt wird auf dem schmalen Gang zur Toilette

Manche Texte sind frei nach Dramatikern wie Bertolt Brecht, andere Texte werden von Autoren wie der Italienerin Nora Cavaccini eigens für die Gruppe geschrieben. Leben können die Schauspieler von ihren Kneipenauftritten nicht. Sie sind auf andere Engagements angewiesen oder haben Nebenjobs. Wie für so viele Off-Theaterproduktionen ist es auch für sie schwer, eine Finanzierung zu bekommen.

Ihre kurzen Pausen verbringt die Gruppe im schmalen Gang zur Toilette. Auf kleinen Sesseln spielen sie dort Teile der Dialoge durch oder üben ihre Monologe, während in der Kneipe der Betrieb ganz normal weitergeht.