Ein deutscher Exfußballnationalspieler hat erklärt, er sei schwul. Viele Menschen haben sich daraufhin zu Wort gemeldet, von Lieschen Müller bis Angela Merkel, von Lukas Podolski bis Volker Beck. Die meisten bekundeten ihre Sympathie, einige übten sich aber auch in Medienkritik: Das Thema werde mit den falschen Begrifflichkeiten verhandelt.  

Fangen wir bei null an. Schwul, lesbisch, auf Englisch heißt das gay. In England kann man das Wort tatsächlich für beide sexuelle Vorlieben benutzen, in Deutschland handelt man sich damit nur Ärger ein. Als naiver, aber außerordentlich interessierter junger Schwuler habe ich mal eine Lesbe in einem Ortsverband gefragt, ob man schwul auch für Lesben benutzen könne – in einem Artikel des britischen Magazins The Face hatte ich das nämlich gelesen. Daraufhin wäre sie mir fast an die Gurgel gesprungen. Ich habe gelernt: Niemals das Englische einfach so ins Deutsche übersetzen.

Einige Kommentatoren bemängeln nun, dass "homosexuell" statt "schwul" geschrieben werde. Schließt das eine das andere aus? Verdächtigt jemand Hitzlsperger, heimlich eine Lesbe zu sein? Fühlen sich Transgender-Menschen dadurch diskriminiert? Oder klingt den Beschwerdeführern das Wort allzu klinisch in den Ohren? Ja, es ist ein Begriff aus der Wissenschaft, der das Sinnliche von sich weist. Mit schwul mag man Disco-Musik, Dolce & Gabbana und Darkroom eher verbinden. Aber das wäre ja eine völlig eindimensionale Sichtweise. Das Wort Homosexualität verallgemeinert mehr, vielleicht distanziert es den Schreiber vom Sujet. Falsch ist es jedenfalls nicht. Schlimm wäre nur, wenn es aus Angst vor dem Wort schwul benutzt würde. Deshalb: schwul, schwul, schwul.

Und dann das Coming-out. Reden wir in Hitzlspergers Fall von einem Outing oder einem Coming-out? Ein Outing sei von anderen Menschen herbeigeführt beziehungsweise erzwungen worden, so lautet eine Sprachkritik. Wenn dem so ist, weiß der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) noch nichts davon. In seiner Pressemitteilung begrüßt der LSVD "das Outing" ausdrücklich. In Anbetracht fehlender deutscher Redewendungen haftet auch dem Coming-out ein holpriger Zungenschlag an, aber hätte man schreiben sollen "Hitzlsperger ist rausgekommen"? Aus dem Gefängnis, der FKK-Badeanstalt oder einem besonders gefährlichen Land?

Und darf man – wie ZEIT ONLINE – von "bekennen" sprechen, wenn das möglicherweise zunächst an den Beichtstuhl erinnert und erst beim zweiten Nachhorchen sprachgeschichtlich neutral wird?

Die Medien, in denen die aktuelle Debatte über Homosexualität geführt wird, können nicht die Befindlichkeiten jedes Kommentators berücksichtigen. Jeder Mensch fühlt anders. Zeitungen oder Websites sind nicht das Sprachrohr des Einzelnen, sondern Kommunikatoren für die breite Masse. Am Ende streiten wir uns noch wie in den Neunzigern, ob es nun richtig Techno, Tekkno oder Tekno heißt – und in welchem Diskurs jedes K zu viel oder zu wenig steht. Die Debatte soll ohne falsche Scham geführt werden, ja, aber auch ohne politische Korrektheit. Es geht darum, das Leben in seinen Facetten zu bejahen und nicht in Wortungetümen zu katalogisieren. 

Schwul, homosexuell, gay. Wir verstehen uns. Oder wäre es so besser gewesen: Der frühere Nationalspieler äußerte sich mit vorsichtiger Zurückhaltung und gebotenem Respekt, dass er sich erotisch hingezogen fühle zu anderen Männern?