Der weiße schwarze Humor – Seite 1

Um einen Künstler zu verstehen, muss man sich immer auch den Raum vergegenwärtigen, in den er hineinspricht. Künstler können nur dann erfolgreich sein, wenn sie verstanden werden. Wenn sie mit ihrem Publikum eine Lebenswelt teilen, wenn alle Beteiligten dieselben Anspielungen und Bezüge verstehen.

Deshalb ist es im Grunde eher unwahrscheinlich, dass der südafrikanische Stand-up-Comedian Trevor Noah, der gestern Abend im Berliner Quatsch Comedy Club zum ersten Mal überhaupt in Deutschland aufgetreten ist, hier ein Publikum vorfindet. Die weltberühmten unter den Stand-up-Comedians stammen traditionell aus amerikanischen Mittelschicht-Haushalten und sprechen über Mittelschicht-Neurosen, die ihnen und ihrem kaufkräftigen Mittelschicht-Publikum das Leben schwer machen: Jerry Seinfeld, Larry David, Louis C. K., Sarah Silverman, selbst Chris Rock.

Trevor Noah hingegen kommt nicht nur vom anderen Ende der Welt, sondern auch vom anderen Ende des globalen Wohlstandsgefälles: Noah ist in Südafrikas berüchtigter Township Soweto in der Nähe von Johannesburg aufgewachsen, mit sieben Familienmitgliedern aus drei Generationen in zwei Zimmern, mit einem Loch im Boden vor dem Haus, das als Toilette diente und weichgeriebener Tageszeitung als Toilettenpapier.

Deshalb ist das, was hier passiert, durchaus eine Geschichte aus der globalisierten Migrationsmoderne: dass Noahs erster Auftritt in Deutschland bereits Wochen vorher restlos ausverkauft war. Dass der Ansturm so groß war, dass man das Haus drei Abende hintereinander hätte füllen können, wie der Veranstalter sagte. Und dass Trevor Noah den Quatsch Comedy Club nicht nur ausverkauft, sondern anderthalb Stunden lang brutal niedergebrannt hat. Mit einem englischsprachigen Programm.  

"Ich bin schon als Verbrechen zur Welt gekommen"

Noah, das größte internationale Comedy-Talent seit Jahren, wurde 1984 als Sohn eines weißen Schweizers und einer schwarzen Südafrikanerin mitten in die Apartheid hineingeboren. Aus diesem Material destilliert er seine Pointen: Weil jeder sexuelle Kontakt zwischen Schwarzen und Weißen unter dem Apartheitsregime verboten war, sagt Noah heute: "Ich bin schon als Verbrechen zur Welt gekommen." Weil er mit seiner hellen Hautfarbe ständig seine Eltern zu verraten drohte und sein Vater deshalb immer auf der anderen Straßenseite laufen musste, wenn die Familie unterwegs war, sagt Noah auf der Bühne: "Er konnte mir immer nur aus der Ferne zuwinken wie so ein gruseliger Pädophiler." Und weil seine Mutter verhaftet worden wäre, wenn die Polizei sie mit ihrem hellhäutigen Sohn erwischt hätte, und sie deshalb immer so tun musste, als würde er nicht zu ihr gehören, sobald ein Polizeiauto in Sicht war, sagt er: "Das war hart für mich, ich fühlte mich immer wie ein Beutel Gras."

Als Noah 2008 anfing, allein auf der Bühne zu stehen und Witze zu erzählen, war es nicht einmal wahrscheinlich, dass es in Südafrika ein Publikum für dieses Format geben würde. Es gab gerade einmal eine Handvoll erfolgloser Comedians im Land und nahezu keine Klubs. Außerdem wusste man nie, ob man ein weißes oder ein schwarzes Publikum vorfinden würde, wenn man ins Scheinwerferlicht trat. Es kam vor, dass Noah ein weißes, rassistisches Publikum vor sich hatte, das aus den falschen Gründen lachte, wenn er das Klischee eines afrikanischen Wilden karikierte. Sie lachten nicht über das Klischee, sondern über die Wilden.

"Als Comedian hast du die Plattform, die Wahrheit zu sagen"

Heute versteht Noah diese Trennung zwischen Schwarzen und Weißen, die es in Südafrika politisch zwar seit 1994 nicht mehr gibt, die sich aber in den Milieus fortsetzt, als härteste und beste Schule, die ihm als Comedian hätte passieren können: "Ich musste immer ein Programm haben, dass für beide Gruppen funktioniert. Dabei merkt man, wie viel wir letztlich alle gemeinsam haben. Wir lachen über dieselben Dinge." Er habe lernen müssen, Comedy für people zu machen, nicht für ein bestimmtes Milieu.

Diese Ausbildung hat aus ihm einen Comedian gemacht, der heute auf der ganzen Welt verstanden wird. Trevor Noah, der im multiethnischen Südafrika fünfsprachig aufgewachsen ist, obwohl er Xhosa, die Sprache seiner Mutter, und Deutsch, die Sprache seines Vaters, nicht einmal gelernt hat, kann mühelos zu jedem sprechen, der Armut, Rassismus und ethnische Ressentiments erlebt hat. Und das sind im Jahr 2014: nahezu alle.

Vor vier Jahren hat der US-amerikanische Regisseur David Paul Meyer über Trevor Noah den Dokumentarfilm You laugh but it's true gedreht. Der Film begleitet Noah, der da gerade einmal zwei Jahre auf der Bühne stand, bei den Vorbereitungen zu seiner ersten großen Ein-Mann-Show im Lyrics Theatre in Johannesburg. Sein Agent hatte ihm damals abgeraten. Er fand, es sei zu früh für ihn, einen ganzen Abend allein zu bestreiten. Die Zweifel stellten sich als unbegründet heraus: Noah füllte den großen Saal des Lyrics Teatre, der 1.100 Menschen fasst, an drei Abenden hintereinander. Das Publikum: gemischt. Wie er selbst. Meyers dokumentarische Kamera schwenkt staunend über die Sitzreihen mit all ihren Hautfarben und den willenlos kontrahierenden Körpern, als wäre es ein Naturschauspiel.

"Viele Menschen verstecken sich hinter ihren Fassaden und sagen: Man darf dieses nicht sagen, man darf jenes nicht sagen", erzählt Trevor Noah in dem Film, "Aber je mehr wir die Wahrheit sagen, desto schneller kommen wir voran. Das ist das Problem in Südafrika: Zu viele Menschen wollen der Wahrheit nicht ins Auge blicken. Sie wollen nicht zugeben, dass die Dinge falsch laufen, dass es immer noch massive Armut gibt, dass Aids das Land zerstört. Sie wollen einfach in ihrer euphorischen Utopie-Welt leben, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Als Comedian hast du die Plattform, die Wahrheit zu sagen. Du musst derjenige sein, der die Wahrheit sagt."

"Meine Mutter wurde niedergeschossen" – das Publikum heult vor Lachen

Das Dilemma des Narren: Er kann jederzeit die Wahrheit sagen, weil die andere Hälfte stets gelogen ist. Deshalb fühlt sich das Publikum nicht verpflichtet, das Ungeheuerliche zu glauben. Ein Beispiel: 2010 wird Trevor Noahs Mutter in Johannesburg auf offener Straße niedergeschossen, zwei Schüsse von hinten in den Kopf. Nur zwei Tage nach dem Überfall erzählt er die Geschichte auf der Bühne: "Meine Mutter wurde vor zwei Tagen niedergeschossen, nur ein paar Straßen von hier." Das Publikum heulte vor Lachen.

Alles an Trevor Noah ruft "Superstar"

Nach seinem Durchbruch im Lyrics Theatre geht Noah auf USA-Tournee, er tritt bei David Letterman auf und bei Jay Leno in der Tonight Show, als erster Afrikaner überhaupt. Es ist ein kometenhafter Aufstieg. Aus der Township in die Tonight Show in weniger als einem Jahrzehnt. Dem amerikanischen Fernsehpublikum erzählt er, dass er in Südafrika, wo er als coloured gilt, immer davon geträumt habe, schwarz sein zu dürfen. Sein amerikanischer Agent habe ihn deshalb ermuntert, in die USA zu kommen: "Hier sind alle schwarz." Als er aber in New York aus dem Flieger gestiegen sei, sei er mit seiner Hautfarbe plötzlich Mexikaner gewesen. Weil er kein Spanisch spreche, hätten ihm Latinos in den USA vorgeworfen, ihre gemeinsame Kultur zu verraten.

Seit einigen Wochen tourt er jetzt durch das Vereinigte Königreich: Peterborough, Leeds, Yorkshire und immer wieder London. Und er wird überall verstanden. Als er in Berlin die Länder aufzählt, durch die er 2013 getourt ist – Namibia, Sambia, Botswana –, jubelt immer eine andere Ecke des Klubs. Als er sagt "I grew up in Soweto" jubelt das halbe Parkett und nötigt ihn, darüber Auskunft zu geben, in welcher Straße er dort genau gewohnt habe.

"Ihr kommt auch aus Soweto?"
Jubel, Applaus, Pfiffe.
"Ihr wisst aber schon, dass Ihr jetzt zurückkehren könnt?"

Alles an Trevor Noah ruft "Superstar", das Talent, der Charme, der Fleiß. Zurzeit sitzt David Paul Meyer an einem Drehbuch für Noahs ersten Spielfilm, in Deutschland wird 2016 vermutlich die Synchronfassung laufen.

Noahs Mutter hat den Überfall in Johannesburg übrigens wie durch ein Wunder überlebt, es geht ihr heute wieder gut. Von der Zeit im Krankenhaus, als noch nicht abzusehen war, ob sie es schaffen würde, berichtet Noah diesen Dialog:

"Geh raus, tu, was du tun musst. Mach Comedy, verdiene Geld!"
"Geld ist jetzt nicht wichtig, Mum." 
"Trevor, vielleicht ist es jetzt ein guter Moment, um dir etwas zu sagen: Ich habe keine Krankenversicherung."

Vielleicht hat dieses Gespräch wirklich stattgefunden. Vielleicht ist es nur ein Gag. Letztlich ist die Frage trostlos, sie würde den Comedian seiner wichtigsten Instrumente berauben: Geheimnis, Zweifel, Fiktion. Einen Hinweis gibt der Titel des Dokumentarfilms: You laugh but it's true.