Kurz nach Anbeginn der Zeit, irgendwo an den Ufern des Nils: Menschen in kleinen Gruppen, spärlich bekleidet, begreifen mühsam, dass sie der staubigen Erde noch mehr Essbares entlocken können, wenn sie ihr Wasser geben. Nur, wie soll das gehen: gleichzeitig Äcker pflügen und Kanäle graben? Die Bauern legen zusammen, jeder ein paar Körner Getreide, dafür dass einer von ihnen die Wassergräben ausschaufelt.

Welch ein Moment im Lauf der Dinge! Die Menschheit erfindet im Schweiße ihres Angesichts den Steuerstaat und mit ihm die Zivilisation. Das Rudel beginnt, die Beute zu teilen, aus der wilden Gemeinschaft erwächst eine Gesellschaft. Was vor 5.000 Jahren den frühen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens entsprang, brachte uns nach langer Evolution Errungenschaften wie: die Pendlerpauschale.

Max Weber, der Übervater der Soziologie, erkannte in diesem Prozess die Genese des Staatswesens, die "Vergesellschaftung". Aus der Tierwelt wissen wir aber: Nicht jedes Wildschwein fügt sich freiwillig der Ordnung des Rudels. Manches Exemplar empfindet die Unterwerfung in der Gemeinschaft durchaus als Zwang – ein Verhalten, bekannt auch unter Menschen.

Viele hadern mit ihrem Beitrag zum System, selbst solche, die sich anerkanntermaßen verdienstvoll für das Ganze engagiert haben, wie der FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Sein Widerwille aber, sich der gesetzlichen Ordnung zu fügen, endet nun vor Gericht. Wie viele Steuerhinterzieher führte womöglich auch ihn in die Illegalität, dass er das System als ungerecht empfunden haben mag, er sich zu stark beansprucht fühlte. Zitat: "Ich weiß, dass es doof ist, aber ich zahle volle Steuern."

Ein Problem, das uns von Anfang begleitet. Auf die Geburt des Steuerstaates folgte sogleich die Ernüchterung. Ich zahle für etwas, wofür es keine direkte Gegenleistung gibt: Statt Brot für mein Geld bekomme ich ein Versprechen von gemeinsamer Wohlfahrt. Eine Verheißung, an der schon früh mancher zweifelt. Berichte brutaler Bestrafungen von Steuerhinterziehern sind reichlich überliefert, etwa von einem assyrischen Herrscher aus dem 9. Jahrhundert vor Christus: "Ich ließ gegenüber dem Stadttor einen Turm bauen, alle Hauptmeuterer schinden und überzog das Gerüst mit ihren Häuten. Einige mauerte ich in den Turm ein."

Tugendhaftigkeit endet beim Geld

Es darf wohl auch als zivilisatorische Leistung gelten, dass Uli Hoeneß höchstens mit einer Haftstrafe zu rechnen hat. Dennoch ist klar: Wer sich der Steuerpflicht entzieht, untergräbt die Fundamente eines Staates. Der gute und edle Bürger handelt so nicht, schon gar nicht das Zoon Politikon, wie Aristoteles den idealisierten Menschen im Staate nennt. Der ist sich seiner Verantwortung für die Allgemeinheit bewusst, gleichermaßen als Herrscher wie als Beherrschter. Dieses Gleichgewicht zu halten aber gelang den Menschen selten. Bei Geld findet Tugendhaftigkeit eben schnell ein Ende.

Wir kämpfen also mit einem inneren Konflikt: Wie viel ist zu viel des Guten? Das rechte Maß verloren gerade die Mächtigen im Mittelalter allzu leichtfertig. Dabei wissen wir doch, dass sie lediglich den Zehnten, also zehn Prozent der Ernte verlangten. Viel weniger als heute! Gemeint waren aber zehn Prozent der gesamten Ernte, ohne Kosten für Saat, Anbau und Löhne. Das machte schnell mehr als die Hälfte des Nettoertrags aus. Je nach Lage kamen noch allerhand Kriegs- oder Konsumsteuern dazu. Dass dies ungerecht sein könnte, selbst wenn ein König von Gottes Gnaden darauf besteht, auf die Idee kamen auch Kirchenlehrer wie Thomas von Aquin: "Wenn Fürsten etwas, was ihnen nicht geschuldet ist, mit Gewalt erpressen, so ist das Raub, genau wie jede andere Räuberei."