Die Grenze zwischen Natur und Mensch wird hierzulande in beide Richtungen streng bewacht. Wenn im nahen Stadtwäldchen ein Zigarettenautomat aufgestellt wird, dauert es nicht lange bis zur ersten Petition. Wandert aber ein Bär ohne Papiere nach Bayern ein, wird er erschossen.

Das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt bringt in einer industrialisierten Gesellschaft auch amüsante moralische Auffahrunfälle hervor. Es ist möglich, Porsche Cayenne zu fahren und penibel auf Mülltrennung zu achten. Man kann glutvolle Besinnungsaufsätze gegen die Ausbeutung unserer Rohstoffe auf einem neuen Apple-Computer verfassen. Man kann als sogenannter kritischer Konsument nur ökologisch produzierte Kleidung tragen, zu Hause gibt's Folienfleischwurst und Nespresso, kein Problem. Den Unterschied zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit bestimmt ja letztlich jeder selbst.     

Nur an manchen Grenzposten ist wirklich Schluss: Derzeit wird hierzulande diskutiert, ob gentechnisch veränderter Mais mit der Nummer 1507 angebaut werden soll. Laut der jüngsten Umfrage sind lediglich acht Prozent der Deutschen dafür, der Rest ist empört. In der aktuellen Debatte geht es nicht nur um Fragen nach Langzeitfolgen und der Hegemonie von Großkonzernen, die in anderen Bereichen den meisten Menschen, freundlich gesagt, egal ist. Wer beklagt, dass hier eine Lobby am Werk sei, vergisst, dass der Bauernverband ja auch eine ist. 

Der Sieg von Science-Fiction

Nein, im Genmais keimt auch eine ästhetische Frage. Und sie beginnt bei der negativen Suggestionskrafts des Begriffs Gen oder dem "gentechnisch veränderten", was mindestens nach Frankenstein klingt. Genmais, das ist das Produkt von sterilen Laboren, von weltfremden Menschen in weißen Kitteln, und all das verträgt sich mit tradierten Naturvorstellungen nicht und auch nicht mit religiösen: Am dritten Tag schuf schließlich Gott das Land und die Pflanzen. Genmais ist der vorläufige Sieg der Abteilung Science-Fiction, wo die großen Menschheitsapokalypsen brodeln und die Futuristen arbeiten. Von ihrem berühmtesten, Stanisław Lem, ist der Satz überliefert, dass das, was technisch vorstellbar ist, auch gemacht werden wird. Eine kalte deterministische Logik.  

Und zwischen dem Machbaren und dem Vorstellbaren steht das Vertretbare. Das wiederum ist ein moralischer Diskurs. Der Kulturkritiker Georg Seeßlen hat einmal bemerkt, dass die "Brosamen technischer Wissensvermittlung" vorzugsweise als Horror verhandelt werden. Wissenschaft besäße ein Bedrohungspotenzial gegenüber der Bevölkerung. Akzeptiert würde nur Technik, die sich entweder als Ware oder als Waffe realisiere. Wenn ein Ding sowohl das eine als auch das andere sein kann, werde es indes abgelehnt.

Womöglich stammt diese empfindliche Skepsis auch aus der Erfahrung mit Atomenergie. Sowie das Misstrauen gegen die vollkommene Zähmung der Natur, hinter der man Faust'sche Hybris vermutet, einen Pakt mit dem Teufel. Nach dem Unglück in Fukushima tönte in all der berechtigten Angst gelegentlich auch etwas fröhliches Dur der Genugtuung mit: Die Natur macht eben doch, was sie will.   

Kein Tiefbahnhof!        

Manche Fragen sind berechtigt. Die gesundheitlichen und ökologischen Folgen von Genmais seien kaum absehbar, sagen die Kritiker. Die Antwort der Befürworter scheint sie aus guten Gründen kaum zu beruhigen, dass solche Wunderpflanzen den Welthunger stillen könnten. An die technologischen Erlösungsversprechen, eine der neueren Offenbarungsreligionen unserer Zeit, will sowieso kaum jemand mehr glauben – abgesehen von einigen Technikesoterikern im Silicon Valley und ihren Bauchrednern, die in irgendwelchen Agenturen auf weißen Möbeln rumsitzen. Fortschritt, das weiß man mittlerweile, ist keine unschuldige Kategorie. Das ist beim Genmais (Essen für alle!) nicht anders als beim Internet (Wissen für alle!) und bei der Kernkraft (Energie für alle!). Die Genmais-Debatte ist der vorläufige Endpunkt eines permanenten Aushandlungsprozesses über die Frage: Wie stark darf der Mensch in die Natur eingreifen?

Die Deutschen schreiben sich gern ein besonders konservatives Gemüt zu, wenn es um ihre Wiesen und Forste, Flüsse und Felder geht. Nicht selten fällt die Entscheidung zugunsten der Natur, auch wenn sie bisweilen unverhältnismäßig anmutet: In Deutschland soll ein Tiefbahnhof verhindert werden, wenn er den Baumbestand gefährdet. In Deutschland ist man zwar heilfroh, dass der Kernkraft Lebewohl gesagt wurde, aber diese Windräder stattdessen, müssen die da denn wirklich stehen? Was Natur ist, soll Natur bleiben!