Selbstverständlich haben wir es nicht leicht. Wir leben im Land der Dichter, Denker und Maschinenbauer, von Fortschrittsangst gebremst. Noch dazu sind wir geschlagen mit einer Sprache, die unsere alltägliche Arbeit durch bloß eine angehängte Silbe zum sonntäglichen Gottesdienst erhebt: Beruf oder Berufung? Wer wollte da nicht verzweifeln.

Martin Luther ist schuld. In seiner Übersetzung der lateinischen vocatio interna und vocatio externa ist das Problem bereits angelegt. Der innere Ruf kommt von Gott, einer höheren Macht. Der äußere Ruf kommt von einer weltlichen Instanz. Aber in der Wahl der deutschen Entsprechung blieb der Kirchenmann herzlich indifferent: Beruf, mit oder ohne ung, das war Luther ziemlich egal.

Rund 500 Jahre sind seitdem vergangen. Zeit genug, um Worte mit neuem Sinn zu füllen und auch, um sie zu entleeren. Gott schreibt nur noch wenige Stellen aus, der Begriff Berufung wird stattdessen täglich in den säkularen Denkzentralen der Republik durchgewalkt. Ein Wort als High Potential. Sein metaphysischer Sphärenklang ist überwältigend und gerade deshalb so geeignet als Grundton der Leistungsgesellschaft. Selbstverständlich fühlen wir uns berufen: zum Schreinern, Schweißen, Schreiben und Kehren, zum Beschützen, Beraten, Heilen und Lehren, zum Servieren, Sortieren, Frisieren und Kassieren. Wir wissen, dass der Chef weiß, dass wir besser, effizienter, länger, härter arbeiten und dabei auch noch gesünder und zufriedener sind, wenn wir Beruf mit Berufung verwechseln.

Talente und Ideale in der Arbeit verwirklichen

Angloamerikanische Psychologen sehen da klarer. Sie unterscheiden zwischen Job, Career und Calling und finden diese Ausprägungen in nahezu allen Berufsgruppen. Der Job dient allein dem Lebensunterhalt, das Leben findet aber außerhalb der Arbeit statt. Wer Karriere machen möchte, strebt nach strukturellem oder finanziellem Aufstieg und zieht aus dem damit gewonnenen Status persönliches Selbstbewusstsein. Wer einem Calling, also einer Berufung folgt, trennt nicht zwischen Arbeit und Leben. Geld und Status interessieren ihn weniger als die Erfüllung, die ihm seine Tätigkeit bringt. Die Arbeit ist Teil seiner Identität.

Die individuellen Talente waren im Idealfall schon angelegt, bevor der Arbeitsvertrag unterschrieben wurde. Viele Seelsorger, Ärzte oder Lehrer ergreifen ihren Beruf, weil er Fähigkeiten voraussetzt, die sie als wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit betrachten, und sie ihn als sinnstiftend empfinden. Es mag Kollegen geben, die dieselbe Arbeit als Job erledigen oder nur aufs Geld aus sind. Menschen, die ihre Leistung in den Dienst der Allgemeinheit stellen, folgen jedoch meist einem inneren Antrieb, wie arbeitspsychologische Studien belegen. Sei es nun Gott, das Schicksal oder diese winzige Spirale aus Nukleinsäuren, die dem Individuum seine Eigenschaften mit auf den Weg gegeben hat: Wer das Gefühl hat, in der Arbeit seine Talente entfalten und Ideale verfolgen zu können, mag seine Berufung gefunden haben.

Die Krankenpflegerin bleibt bei ihrem Patienten, auch wenn daheim der Haussegen gerade gerückt werden müsste. Der Umweltaktivist lässt sich sogar feiertags an die Ölplattform ketten. Der Anwalt für Menschenrechte wird die Nacht vor dem großen Prozess ohne Murren durcharbeiten. Die prekär beschäftigte Sozialarbeiterin haust auf 38 Quadratmetern, aber sie liebt ihren Beruf. Und der Journalist wühlt sich wochenlang durch Stapel geheimer Akten, weil er schon immer die Welt verbessern wollte.