"Habil Kiliç zwei Kopfschüsse, Theodoros Boulgarides drei Kopfschüsse" – die Namen der Münchner Opfer des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) ziehen auf einer Leuchtschrift über den kopfüber hängenden Baum. Der entwurzelte Ahorn, der kopfüber von der Bühnendecke hängt, ist in doppelter Hinsicht symbolisch: Er steht für die Heimatlosigkeit der Einwandererfamilien Boulgarides und Kiliç, die während der Tätersuche mit Verdächtigungen verunglimpft wurden.

Es ist aber auch ein Baum, wie er tatsächlich vor dem Lebensmittelladen von Kiliç in der Bad-Schachener-Straße 14 und vor dem Schlüsseldienst von Boulgarides in der Trappentreustraße 4 stand, den beiden Münchner Mordschauplätzen von 2001 und 2005. Die Medien spekulierten damals über "Dönermorde", Polizei und Justiz glaubten an kriminelle Aktivitäten der Zuwanderer und schlossen rechtsextreme Täter lange aus.

Urteile, hat Christine Umpfenbach ihr Stück genannt, das am Donnerstag im Münchner Marstall uraufgeführt wird. Die Texte basieren auf 20 Interviewprotokollen der Regisseurin, die sie mit Ermittlern, Polizisten und Angehörigen der Opfer geführt hat.   

Schon mehrere Theaterstücke haben die NSU-Mordserie mit Originalmaterial dramatisiert. Fahrräder könnten eine Rolle spielen am Ballhaus Naunynstraße in Berlin basierte auf Protokollen aus dem NSU-Untersuchungsausschuss. Es gab einen Film des SZ-Magazins, in dem Schauspieler Mitschriften des NSU-Prozesses lasen. An den großen Häusern in Frankfurt, Berlin, Karlsruhe und Köln laufen in dieser Saison Stücke über den rechten Terror. Von denen grenzt Umpfenbach sich ab: "Mich erschüttert, dass sich so viele Theater mit den Tätern beschäftigen", sagt die 43-Jährige. "Wenn man wie mein Team, die Schauspieler und ich, öfters im Prozess saß und Beate Zschäpe gesehen hat, kann man kein Stück mehr über sie machen. Ihr Schweigen ist ziemlich ätzend."

Ihr Interesse gilt bereits seit Langem der Lebenswelt von Einwanderern. In ihrem letzten Projekt Gleis 11 ließ sie ehemalige Gastarbeiter in einem Bunker am Münchner Hauptbahnhof von der schwierigen Zeit des Ankommens erzählen.

Die Regisseurin Christine Umpfenbach © Thomas Dashuber

Auch in Urteile geht es ihr vor allem darum zu erforschen, wie die Gesellschaft und das Umfeld der Opfer auf die Morde reagierten. Und welchen Mutmaßungen die Angehörigen ausgesetzt waren. Die Regisseurin setzt auf Schlichtheit und das gesprochene Wort. Eine Frau und zwei Männer, zerkratzter schwarzer Bretterboden, Fabrikhallenflair. Die Schauspieler Demet Gül, Gunther Eckes und Paul Wolff-Plottegg sind Ehefrau, Bruder, Cousin, Polizist, Kollege, Polizeireporter, Journalistin, Politiker, Leiter der Mordkommission, Schulrektorin, alle, die an diesem Reigen aus demütigenden Verhören und Ermittlungspannen beteiligt waren.

"Mit wem haben Sie mit Drogen gehandelt? Das Paar hatte doch Eheprobleme, oder? Da war doch einiges nicht in Ordnung? Hatte er Schulden?" Immer lauter übertönen sich Gül, Eckes und Wolff-Plottegg in einer Szene mit diesen Fragen. "Mich haben sie 15 Mal mitgenommen, während der Arbeitszeit, wo richtig Action war, da sind zwei Kriminalbeamte gekommen an meinen Stand und nehmen mich mit wie einen Verbrecher", klagt im Stück ein Kollege Kiliç'.

Der Zuschauer erlebt das Gefühl der Bedrohung mit

Der Polizeireporter hält die Ermittlungen im Umfeld für normal. "Ob das jetzt ein Deutscher ist, ein Türke, ein Grieche, ein Spanier, interessiert mich jetzt erst mal wenig, weil tot ist tot. Und meistens sind es ja Beziehungstaten", erklärt er. Von einer Journalistin hören wir: "'Dönermorde' darf man ja nimmer sagen." Der Zuschauer erlebt das Gefühl der Bedrohung mit, dem sich die Verhörten ausgesetzt fühlen.

Die Autorin Azar Mortazavi hat Umpfenbachs Interview-Protokolle zu einem umgangssprachlichen und lebendigen Textdestillat verdichtet. Die Namen der Interviewten werden bewusst weglassen: "Die Figuren sind exemplarisch für alle Hinterbliebenen der NSU-Opfer", sagt Umpfenbach.

Sie habe sich auf zwei Fälle konzentriert, "um den Rahmen ganz eng zu stecken" und weil das Erleben der Familien Boulgarides und Kiliç dem anderer Opferfamilien in Nürnberg, Kassel oder Dortmund ähnele. Der Fokus auf München lag für die Regisseurin, die viele künstlerische Projekte in ihrer Heimatstadt realisiert, nahe.

In der Probe legt Umpfenbach ihren Schauspielern oft die Hand auf die Schulter, wenn sie einer Sache Nachdruck verleihen will. Sie sucht ein Miteinander, wirkt uneitel und idealistisch, will Menschen zusammenbringen. In vielen Gesprächen zwischen den Angehörigen der Opfer und dem Theaterteam gewann die Regisseurin das Vertrauen der traumatisierten Hinterbliebenen. Einige konnte sie sogar dazu bewegen, an dem Stück mitzuwirken.

So wollte der Cousin von Boulgarides zunächst kein Interview geben. Umpfenbach begleitete ihn dann in den Verein der Griechen von Pontos und sah zu, wie er mit seinen Landsleuten einen griechischen Tanz, den Tik, tanzte. Diesen Tanz ließ sie in ihr Stück einfließen: Am Ende der ersten Szene bewegen sich zwei Schauspieler als Cousin und Bruder zu den Klängen einer Lyra. "Ich habe mir immer vorgestellt, was es für die Angehörigen bedeutet, im Publikum zu sitzen", sagt Umpfenbach.

Rechtspopulismus in der bürgerlichen Mitte

Der Regisseurin geht es nicht nur um die Thematisierung von Rechtsextremismus, sondern um "die Verbindung von Bürgerlichkeit und Rassismus, die in unserer Gesellschaft existiert. Was ist strukturell falsch gelaufen?" Rechtspopulistische Ansichten fänden mittlerweile in der bürgerlichen Mitte Gehör, glaubt Umpfenbach.

Ihre Autorin Mortazavi, Tochter einer iranischen Mutter und eines deutschen Vaters, stimmt ihr zu. "Wir müssen darüber sprechen, wie weitreichend der Rassismus in unserer Gesellschaft ist. Mit den NSU-Morden ist nicht nur in der türkischen und griechischen Gemeinschaft etwas zerbrochen, sondern in jedem, der unsere Gesellschaft für demokratisch hält und Gleichbehandlung verlangt."

Urteile bleibt nah an den authentischen Erzählungen, ist Dokumentartheater im besten Sinne und hält diese Spannung über 90 Minuten. Und funktioniert, weil das Erzählte immer noch sprachlos macht.