Was sagt uns das nun wieder? Da geht also am 15. April ein neues Magazin namens Neustart auf den Markt und tags darauf eines, das sich Scheitern nennt. Umgekehrt wäre es wohl optimistischer, so herum klingt es poetischer.

Scheitern erscheint nur ein einziges Mal, es ist eine Sonderausgabe des bestehenden KM Magazins, gestaltet von Marie Egger, Nico Schmidt und Birte Bösehans, den Siegern im jährlichen Redaktionswettbewerb des Weimarer "Kulturmanagement Network". Kennengelernt haben sich die drei 2011 beim "Arts and Media Administration"-Studium in Berlin. Angesichts der Berufsaussichten im Kulturbereich ist Scheitern sicherlich eine naheliegende Heftüberschrift. Originell ist das Thema aber nur auf den ersten Blick.

Denn Scheitern wird nun seit Jahren an den Schnittstellen von Kultur-, Gesellschaft- und Wirtschaftsjournalismus verhandelt und immer wieder zur Chance umgedeutet, als Gegenpol zum Funktionierenmüssen und Getriebensein unserer Zeit. Es gibt tonnenweise Ratgeber- und Managementliteratur mit Namen wie "Das Donald-Duck-Prinzip", ja allein im ZEIT-Kosmos wurden in den letzten Monaten zwei grundlegende Texte veröffentlicht, einer befürwortet, der andere kritisiert eine neue Kultur des Scheiterns.

Doch Egger, Schmidt und Bösehans finden neue, überraschende Zugänge. "Schwere See" beschreibt das Ende des DDR-Ausbildungsschiffs Georg Büchner. Der Künstler Timm Ulrichs wird porträtiert, der es bis zur Documenta, aber nie in die erste Liga der Kunstwelt geschafft hat, und darauf seit Jahrzehnten mit Verbitterung reagiert. Eine wissenschaftliche Grafik illustriert den Fallvorgangs eines Marmeladentoasts, und ganz hinten sortiert der "Absagen-Grundwortschatz" sämtliche Wörter aus 68 Absageschreiben alphabetisch.

Cover des Magazins "Scheitern" © Scheitern Magazin

Scheitern hat einen offen künstlerischen Anspruch und in diesem Kontext dürfen natürlich auch Gedichte und Kurzgeschichten nicht fehlen. Eine davon, Vanessa von Domenico Müllensiefen, beginnt mit einem geplanten Mittagessen mit dem neuen Freund der pubertierenden Tochter und fällt dann auf verstörend brillante Weise immer weiter auseinander.

Das ist überhaupt eine Qualität dieses Heftes: Dass da ein Student des Deutschen Literaturinstituts Leipzig Seite an Seite mit namhaften Journalisten veröffentlichen kann. So schreibt etwa Niklas Maak (FAZ)  über die Umdeutung und Neubesiedlung von gescheiterter Architektur, Matthias Dell (Freitag) über die Coen-Brüder, Silke Burmester (Spiegel Online) verteidigt in einem Quasi-Leitartikel die Möglichkeiten des sich Ausprobierens und sogar Alexander Kluge ist vertreten, wenn auch nur mit einem nachgedruckten Gespräch mit dem Soziologen Dirk Baecker, in dem es um die Nichtirritierbarkeit von Organisationen geht.

Fast alle Autoren von Scheitern haben kostenlos mitgearbeitet, denn die finanzielle Unterstützung des "Kulturmanagement Network" floss direkt in die Produktion einer Printausgabe. Die wird neben dem kostenlos downloadbaren PDF gegen eine Schutzgebühr von 7 Euro abgegeben, die Auflage liegt gerade mal bei 500 Exemplaren. Die Hefte sind durchnummerierte Unikate, in jedem hat der Künstler Martin Bothe versucht, mithilfe einer Abdrucktechnik den perfekten Kreis zu erzeugen. Doch ob mit Rotwein, Feinwaschmittel oder Zitronensaft – er ist 500 Mal gescheitert.

Weiße Seiten finden sich überhaupt einige im Heft, das Layout ist irrsinnig aufgeräumt, es arbeitet fast nur mit schwarz und weiß, trennt Text und Bild beinahe vollständig, ohne dabei streng zu wirken. Viele Magazine dieser Art sind in den letzten Jahren auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt aufgetaucht, viele sind schon wieder verschwunden, nur wenige bieten so guten Journalismus wie Scheitern.

Scheitern fordert, es will, dass man sich einlässt, es widersetzt sich dem Servicegedanken einer Verwertungslogik, weil es sich das als subventioniertes Kunstobjekt leisten kann.