In der nächsten Woche – das genaue Datum weiß man nicht – jährt sich Shakespeares Geburtstag zum 450. Mal. Es ist oft und von vielen Geistesgrößen gesagt worden, dass er der bedeutendste Schriftsteller des Abendlandes und vielleicht des ganzen Erdkreises ist.

Dieses Urteil bezieht sich auf sein gewaltiges Werk. Seine Person jedoch gibt uns Rätsel auf, weil die biografischen Zeugnisse so mager sind, dass sich Theorien aller Art gebildet haben. Kaum denkbar sei es, so wird gesagt, dass sich der Sohn eines Handschuhmachers eine derart umfassende Bildung habe aneignen können. Manche vermuten, "Shakespeare" sei der Deckname eines hochgestellten Adligen gewesen.

Es ist ein Merkmal unserer aufs Biografische fixierten Zeit, dass sie mit allen Mitteln herauskriegen will, wer genau das war, dessen Dramen gewissermaßen den Himalaya der Weltliteratur darstellen und bis in die Moderne hinein sogar die populäre Kultur beflügeln. Wikipedia verzeichnet 420 Verfilmungen, allein 75 von Hamlet und mehr als 50 von Romeo und Julia.

So haben wir also vor allem die Texte – und auf Deutsch die Übertragungen von August Wilhelm Schlegel. Dessen Nachschöpfungen sind eine literarische Leistung eigener Art und haben das Shakespeare-Bild der Deutschen auf lange Zeit bestimmt.

Natürlich war es Schlegels Übersetzung von Was ihr wollt, die auf der Bühne unserer Aula inszeniert wurde. Eine von nicht wenigen Jungs bewunderte Mitschülerin spielte die Viola, ein Freund den Malvolio. Über Monate hin, so erinnere ich mich, stand die halbe Schule im Bann dieses Verwirrspiels um Liebe und Geschlechtertausch, um Betrug und Maskerade.

In einem Gespräch mit Susanne Mayer in der aktuellen ZEIT hat der amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom gesagt, Shakespeare habe mehr als hundert wirkliche Menschen geschaffen, die bis heute lebten. Diese Figuren seien Charaktere – im Unterschied etwa zu Goethes Faust oder seinem Gretchen, die eher Verkörperungen einer Idee glichen.

Indem Shakespeare dem Rätsel, dem Maß und dem Unmaß des Menschlichen Gestalt gegeben hat, zuweilen bis ins Unerträgliche hinein, hat er auch die Theatermacher immer wieder dazu animiert, aufs Äußerste zu gehen. Die Reihe der Shakespeare-Erfolge ist ebenso groß wie die der Shakespeare-Skandale.

Manchmal liegen sie dicht beieinander. Als Peter Zadek 1999 den Hamlet inszenierte, verfiel er auf die ebenso dreiste wie kühne Idee, die Titelrolle mit einer Frau zu besetzen, mit Angela Winkler. Das Ergebnis war überzeugend.

Als der niederländische Regisseur Jan Lauwers 2001 den Sturm am Hamburger Schauspielhaus inszenierte, lautete sein Vorsatz, wie er in einem Interview sagte, zu zeigen, was von Shakespeare bleibe, "wenn man die wundervolle Sprache wegschmeißt". So blieb denn: nichts.

Doch alle Orgien aus Lärm und Blut und Obszönität haben es nicht vermocht, Shakespeare den Garaus zu machen. Im Gegenteil: Er lebt, nicht allein im deutschen Schülertheater, sondern auf allen Bühnen der Welt, und er hat den Gipfel seiner Wirksamkeit vielleicht noch gar nicht erreicht.

Das ist ein Wunder. Es dauert schon 450 Jahre.