Irgendwas mit Rassismus

"Die Aufregung war umsonst", bilanzierte der ORF-Reporter entschieden in die Kamera, während die gerade zu Ende gegangene Wiener-Festwochen-Premiere hinter ihm ihren zweiten Vorhang bekam. Der Fernsehmann klang ein wenig enttäuscht, schließlich hatte Johan Simons' Inszenierung von Jean Genets Stück Die Neger Aufregung versprochen: Sowohl der Titel des Stücks als auch das Foto, das die Inszenierung im Programmheft mit schwarz angemalten Gesichtern ankündigte, hatten im Vorfeld Protest hervorgerufen.

Da das deutschsprachige Theater sich in den letzten Jahren, wenn auch widerwillig, repräsentationspolitischen Debatten ausgesetzt sah, lag der Gedanke an eine kritische Aktion nicht völlig fern – so wie einst recht wirkungsvoll gegen das Blackfacing in Michael Thalheimers Inszenierung von Dea Lohers Unschuld am Berliner Deutschen Theater.

Vor dem Wiener Theater Akzent, wo Die Neger aufgeführt wurden, herrschte am Premierenabend dagegen frühsommerliche Ruhe – und danach das große Gähnen. Auf eine Intervention zu verzichten, erwies sich als hochgradig protestenergieeffizient und empfiehlt sich wohl auch für die Aufführungen an den Koproduktionsstätten Kammerspiele München und Schauspielhaus Hamburg, wohin Simons' Festwochen-Arbeit wechseln wird. Einen sinnloseren und öderen Theaterabend kann man sich nicht vorstellen. Weder erfährt man irgendetwas über Rassismus noch über die Kritik daran. 

In den Fünfzigern schockierte Genets Stück noch

Wobei sich schwer behaupten lässt, dass dieses Desaster überraschend kam: Wer Genets Stück einmal gelesen hat, musste sich wundern, was ein Regisseur heute damit zu bezwecken glaubt. Ende der fünfziger Jahre entstanden, orientiert sich der Text an einem heute kaum mehr geläufigen Film von Jean Rouch (Les maîtres fous), in dem Einwohner Westafrikas im Spiel den Kolonialismus bearbeiten, unter dem sie leiden.

Man kann verstehen, dass diese theatrale Anordnung vor einem halben Jahrhundert einen gewissen Reiz entfalten konnte, weil in ihr ein Moment von Empowerment steckt: Dass Schwarze auf der Bühne nicht brav zum Amüsement eines weißen Publikums auftreten, scheint Genets wichtigstes Anliegen zu sein. Immer wieder wird im Spiel, das seine Inszeniertheit ausstellt, daran gemahnt, nicht zu "mildtätig" oder "zärtlich" zu sein.

Die Krassheit der Darstellung – dass Schwarze die Rollen affirmieren, die man ihnen zugesteht und das Walten eines kolonialen Strafgerichts antizipieren – mag Ende der fünfziger Jahre schockierend gewesen sein (und den Erfolg des Stückes seinerzeit erklären). "Obszönität" und "Blasphemie", von denen eine kurze Notiz in der ZEIT von damals spricht, werden der Arbeit von Johan Simons heute aber zur Hypothek, weil das lange keine Kategorien mehr sind, in denen die Qualität von Theater gedacht wird.

"Ich kann verstehen, dass der Titel schmerzt"

Neben dem historischen Kontext (Kolonialismus) verlangte Genets Stück 2014 also auch die Rekonstruktion einer mentalen Verfasstheit der Gesellschaft vor 1968, damit Wirkung sich mitteilt. Hinzu kommt, dass die Vorlage ziemlich verquast ist und in ihrer Spiel-im-Spiel-Anlage manchmal wie die unlustigere Variante von Ionescos absurdem Theater daherkommt. Genets Kritik liegt ein Universalismus zugrunde, in den sich das Theater gerne flüchtet, wenn es seine eigene Rolle in Machtfragen kaschieren will.

Dann sind wir immer alle Menschen, Außenseiter und Unterdrückte, wo es doch viel mehr darum ginge, sich konkrete Zurücksetzungen vor Augen zu führen, an denen man selbst mitwirkt. "Ich kann verstehen, dass der Titel schmerzt. Aber gerade weil er provoziert, befördert er auch die wichtige Debatte über vergangenen und gegenwärtigen Rassismus", behauptet Johan Simons, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wer eigentlich noch provoziert werden soll, wenn Rassismus doch uns allen ganz doll weh tut.

Simons bleibt noch hinter den Grenzen des Originals zurück

Von einer Neuinszenierung des Textes auf der diskursiven Höhe der Zeit hätte man im Mindesten eine Kritik dieser Schwammigkeiten erwarten können. Simons gelingt dagegen das Kunststück, noch hinter die Grenzen eines fünfzig Jahre alten Textes zurückzugehen, indem er die – originalitätskonstitutive – Prämisse von Genet (es wird nur von schwarzen Schauspielern gespielt) revidiert und – bis auf eine Ausnahme – nur mit weißen Schauspielern arbeitet. Die tragen entweder einen schwarzen oder weißen Kokon aus Pappmaschee wie eine Fechtmaske vor dem Gesicht beziehungsweise sind wie Stefan Hunstein als Spielleiter Archibald allen Ernstes mit einer grotesken Blackface-Maske versehen.

Wenn es offenbar schon zu viel ist, von einem Regisseur, der als Intendant dem Theater des Jahres 2013 vorsteht, zu verlangen, das Problem am Gebrauch des N-Worts zu verstehen – wäre es nicht wenigstens drin gewesen, dass Simons den einzigen Witz des Stoffes nicht kaputtmacht? Genets Regieanweisung, nur schwarze Schauspieler zu besetzen, hatte immerhin verstanden, dass es beim Rassismus im Theater um konkrete Repräsentationsfragen geht. Dass Simons nun weiße Schauspieler schwarze Schauspieler spielen lässt, die weiße Kolonialisten spielen, zeigt dagegen, dass er das Stück überhaupt nicht begriffen hat.

Am einzigen schwarzen Darsteller geht das Spiel vorbei

Im Programmheft-Interview erklärt Simons (Jahrgang 1946) seinen Impuls, Genet noch einmal auf die Bühne zu bringen, mit europäischem Paternalismus gegenüber Afrika aus seinen Kindertagen, den er heute kritisch sehe. Um deshalb total paternalistisch weiße Darsteller anstelle der schwarzen zu setzen (was auf der Ebene des Stückes eben keinen Sinn ergibt) und außerdem sein schlechtes Gewissen an den in Surinam geborenen Schauspieler Felix Burleson zu delegieren, der den verdoppelten Archibald gibt. Der steht, sitzt und liegt zumeist stumm und unbeteiligt auf der schlichten Bühne vor weißen, eingerissenen Papierfahnen herum. Das gesamte Spiel geht an ihm vorbei, und so besteht seine Rolle tatsächlich in nicht mehr als Rumstehen, Rumsitzen und Rumliegen.

Tatsächlich soll er aber moralische Autorität sein. Die erweist die Figur, indem sie an den richtigen Stellen nickt, auch mal anfeuernd "yeah, yeah" oder "C'mon, play the black man" ruft oder theaterbetont-ernsthaft in der Ferne des Saals nach Bedeutung Ausschau hält. Anders gesagt: Dieser Archibald präsentiert bis zum scheinbar lässigen Rauchen am Schluss ein Best-of der prätentiösesten Theatergesten, die sich für was Besseres halten. Anders lässt sich die Bad Bank, in die Simons seine Schuldgefühle outsourct, wohl kaum spielen.

Best-of der prätentiösesten Theatergesten

Das einzige, was der ORF-Reporter bei seinem Vier-Sätze-Bericht live aus dem Saal der Festwochen-Premiere vorwerfen wollte, war Langeweile (am Ende waren's vier müd-brave Vorhänge, keine Buhs).

Man kann in Johan Simons' Arbeit aber auch mehr sehen: Die Krise eines Theaters, dessen analytische Unschärfe und politische Ahnungslosigkeit in keinem Verhältnis zur behaupteten Richtigkeit des eigenen Tuns stehen. So viel Luft, wie während der knapp zwei Stunden aus der Gummipuppenleiche auf dem zentral postierten Altar in der Bühnenmitte wich – immerhin das ein schöner Einfall – war in Simons' Inszenierung nie drin.

Anmerkung vom 6.6.2014:Dem letzten Satz liegt leider eine falsche Beobachtung zugrunde: Die stilisierte Frauenleiche war keine mit Luft gefüllte Puppe, sondern aus Wachs. Sie ist über die Zeit der Inszenierung geschmolzen.