Wer Richard Strauss zu seinem 150. Geburtstag feiern will, findet sich vor eine paradoxe Situation gestellt: Einerseits sind seine Tondichtungen und Opern Gipfelwerke des Kulturbetriebs, andererseits erscheint die Person ihres Schöpfers kaum klar umrissen – oder immer nur so weit, wie ein Vorurteil reicht. Denn so, wie der am 11. Juni 1864 in München geborene Komponist nie an sarkastischen Einwürfen sparte, so schallte es auch zurück. Seine scheinbar mühelosen Erfolge wertete Thomas Mann als "Erfolgswindbeutelei", während Adorno den Beweis führen wollte, dass es sich bei Strauss nicht um einen Künstler, sondern vielmehr um eine "Komponiermaschine" handele. Ganz aktuell wertet Dirigent Christian Thielemann die Skatleidenschaft des von ihm verehrten Jubilars als Ausdruck seiner Volkstümlichkeit.

In Sachen Richard S. gibt es also durchaus noch Aufklärungsbedarf, anders als beim Bayreuther Richard, der im vergangenen Jahr mit einer Flutwelle von überwiegend wässrigen Veröffentlichungen gefeiert wurde. Bei Strauss ist es nur eine kleine Bugwelle, die durch den Buchhandel rollt, voran der mit Abstand am leichtesten zu lesende Geburtstagsbeitrag, Bryan Gillians Biografie Richard Strauss – Magier der Töne (C. H. Beck, München 2014. 235 S., 19,95 €). Der amerikanische Strauss-Forscher veröffentliche sein Buch bereits 1999 auf Englisch. Allein das sagt einiges darüber, wie schwer es ist, etwas Prägnantes über den Komponisten des Heldenlebens zu sagen. Gillian pflegt eine große Sympathie für Strauss, versucht Verständnis zu wecken für scheinbar unbewegte Tagebucheinträge wie diesen: "(K)ein Zug, Abdankung des Kaisers, Republik, Revolution; Koffer gepackt; 1 Stunde im Tiergarten; abends bei Levin Skat."

Immer wieder betont der Autor den Fleiß von Strauss, der sich in jungen Jahren durch sämtliche Genres komponiert. Der neben einer angeborenen Musikalität auch ein untrügliches Gespür dafür entwickelt, niemals in den Schatten gestellt zu werden. Gut greifbar gelingt Gillian die Darstellung, wie Strauss es vermeidet, als Wagner-Epigone zu enden, wie diese Sorge seinen Werdegang begleitet – bis hin zum scherzhaft-ernsthaften Ausruf: "Ich werde der Offenbach des 20. Jahrhunderts!" Weniger gelingt es Gillian, die Zeitströme zu umreißen, in denen das Leben des europäischen Shootingstars verläuft. In seinen 20 Berliner Jahren soll Strauss die Hofoper zu "beispiellosem Ruhm" geführt haben. Wie, bleibt das Geheimnis des Autors.

"Ein großer Mann – so völlig ohne Größe!"

Der geht auch die Frage nach Strauss’ Nazi-Verstrickung sanft an. Dabei verschweigt Gillian Strauss’ Unterschrift unter dem "Protest der Richard-Wagner-Stadt München" gegen Thomas Mann vom April 1933. Strauss lässt sich zum Präsidenten der Reichsmusikkammer machen und schreibt an seinen jüdischen Librettisten Stefan Zweig: "Glauben Sie, dass ich jemals aus dem Gedanken, dass ich Germane bin, bei irgend einer Handlung mich habe leiten lassen? Glauben Sie, dass Mozart bewusst 'arisch' komponiert hat? Für mich gibt es nur zwei Kategorien Menschen; solche die Talent haben und solche die keins haben, und für mich existiert das Volk erst in dem Moment, wo es Publikum wird. Ob dasselbe aus Chinesen, Oberbayern, Neuseeländern oder Berlinern besteht, ist mir ganz gleichgültig, wenn die Leute nur den vollen Kassenpreis bezahlt haben."

Die Gestapo fängt den Brief ab, Strauss wird aus dem Amt gedrängt. Er beginnt, Angst um seine jüdische Schwiegertochter und die Enkel zu bekommen. Klaus Mann urteilte nach dem Krieg: "Ein Künstler von solcher Sensitivität – und dabei stumpf wie der Letzte, wenn es um Fragen der Gesinnung, des Gewissens geht! Ein großer Mann – so völlig ohne Größe!" Soweit würde Gillian nie gehen.