Einmal im Jahr ist alles erlaubt. Da paradieren die Showmenschen, die Nackten, die Drag Queens, über den roten Teppich vor dem Wiener Rathaus: Es ist Life Ball, man feiert das Schrille und sammelt Spenden für die Aids-Hilfe. Wie am vergangenen Wochenende. Diesmal hatte die Veranstaltung freilich noch stärkeren Symbolcharakter: Conchita Wurst hält Hof. 

Seit die bärtige Frau für Österreich den Eurovision Song Contest gewonnen hat und ein doppeltes Spiel mit der Gender-Inszenierung treibt, ist Toleranz ein strapazierter Begriff. Jeder noch so konservative, engstirnige Boulevardzeitungsleser kann sich leichtfertig auf die Seite der Mehrheit stellen: Alle lieben Conchita. Oder doch nicht? Wie scheinheilig dieser Toleranzdiskurs geführt wird, zeigt sich, wenn es um die politischen Forderungen nach Gleichstellung und Selbstbestimmung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender- und Intersex-Menschen – kurz LGBTI – geht.

Die Grenzen dieser Toleranz sind schnell erreicht: Große Empörung über das Plakat zum Life Ball! Konservative und kirchliche Gruppen attackierten die Veranstaltungshinweise, auf denen das Transgender-Model Carmen Carrera nackt mit Brüsten und Penis zu sehen war. Es zeuge von Rücksichtslosigkeit und Intoleranz, der allgemeinen Öffentlichkeit ein solches Bild aufzunötigen, das insbesondere die "intimsten Gefühle" von Kindern verletzen würde, riefen die Kritiker. Die Entrüstung schlug sich nieder in polizeilichen Anzeigen (unter anderem von der FPÖ), einer Protestpetition und einer Schmieraktionen einer 70-jährigen Dame, die mit der Sprühdose gegen die unverhüllte Darstellung eines Trans-Körpers vorging.   

David LaChapelle, "Once in the Garden (1)", 2014 © David LaChapelle

Das Motiv des Life-Ball-Plakates ist aus einer Ausstellung entliehen, die zeitgleich in der Wiener Galerie Ostlicht eröffnet hat: Hier zeigt der US-amerikanische Fotograf David LaChapelle seine Werkschau Once in the Garden. Auf dem Bild wandelt Carmen Carrera als engelsgleiches, geschlechtsuneindeutiges Wesen durch das Paradies. Die Nähe zu Hieronymus Boschs Der Garten der Lüste aus dem 16. Jahrhundert ist bewusst hergestellt. LaChapelle zitiert mit Vorliebe populäre historische Kunstwerke, wie etwa Michelangelos Sintflut in seinem Bild Deluge oder Botticellis Die Geburt der Venus in Rebirth of Venus, die beide ebenfalls ausgestellt sind. Er liebt die knallbunten, hochglänzenden und hyperrealistischen Settings, versetzt sie mit Splittern aus der Popkultur und Kunstgeschichte, mit Symbolen vergangener Kulturepochen und religiöser Erzählungen. Auf subtile Art kritisiert LaChapelle die von der Oberfläche besessene Mediengesellschaft. Zugleich zelebrieren seine leuchtenden Bilder die Faszination des Glamours, den sie darstellen. 

Berühmt wurde LaChapelle als Modefotograf und Porträtist der Stars. Manche wurden erst durch ihn berühmt, wie zum Beispiel Amanda Lepore. Addicted to Diamonds heißt ein Bild von 1997, in dem LaChapelle das Transgender-Model als dekadentes, Edelsteine koksendes Luxusgeschöpf in Szene setzt. In mehreren Operationen hatte sich Amanda Lepore in ihre eigene Kunstfigur verwandelt, die die Arbeit an sich selbst, das Sich-selbst-zur-Frau-Machen ausstellt. Sie lässt das Irreale real werden. Allerdings kann man das auch von allen anderen nachbearbeiteten Models behaupten, die sich durch Frauenmagazine und Werbung räkeln.