Bis unters Dach reihen sich die Notebooks und ihre User. Das gesittete Toben der Berliner Kreativwirtschaft. O du ewiges Online, du ewige Flucht vor der Angestelltenknechtschaft! Wer die Gaststätte St. Oberholz am Rosenthaler Platz heute betritt, findet noch immer ein passgenaues Abbild dessen, was Holm Friebe und Sascha Lobo vor immerhin acht Jahren in ihrem Buch Wir nennen es Arbeit beschrieben. Aber warum auch nicht, warum nicht mit dem Paradox leben, sich mittendrin zu fühlen und gleichzeitig historisiert, ja mythisiert zu werden? Als ein großer Entertainment-Verlag kürzlich auf einer Literaturkonferenz Coffeeshop präsentierte – eine interaktive Serienroman-App aus Text, Audiofiles, Videos, Rezepten und Spielen – stand das St. Oberholz unübersehbar Pate: Man hatte sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, den berühmten Ort zu verfremden.

"Du befindest dich hier. Im St. Oberholz." So hebt der Audiowalk Brave New Work an, den das Züricher Theaterkollektiv Neue Dringlichkeit gestaltet hat und den man sich jetzt, eben im St. Oberholz, per Quellcode auf sein Smartphone runterladen kann. Schon die Begrüßungsrede ist ein schöner Wink hinüber zu Kathrin Passig und in die Gründerszene der digitalen Bohème. Sie befinden sich hier – so hieß ja Passigs Prosatext, mit dem sie 2006 den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb für deutschsprachige Literatur gewann. Die Autorin führte darin den roten Punkt auf öffentlichen Landkarten ad absurdum, ein Ort im winterlichen Gebirge wurde zur Projektion, zum Nicht-Ort. Der Spaziergänger versank im Schnee.

So lädt sich die neue Berliner Mitte mit Bedeutung auf, und so verwischte sie von Beginn an ihre Spuren. Diese Doppelbewegung setzt auch die Neue Dringlichkeit voraus, wenn sie uns zum Hörspaziergang einlädt. Die Schweizer gründeten ihr Kollektiv vor allem für innenpolitische Aktionskunst, befragen aber seit geraumer Zeit auch Städte auf ihre ureigenen Themen und Energien. Für den Rosenthaler Platz hatten die Berliner Platzhirsche das Thema schon benannt, nennen wir es noch mal: Arbeit.

Denn klar, es ist die Großstadtgeschäftigkeit, die einem 2014 von draußen in den Kopfhörer drückt, wenn man diesen Spaziergang beginnt. Kreischende Straßenbahnen, kurzer Stillstand in Erwartung einer Feuerwehrsirene, das genervte Hupen danach, Ampelschwärme. Dies alles vor den Kulissen des Transits, vor dem Kommen und Gehen in Hostels, Imbissen und einem Billigbackshop. Die analoge Post ist auch nur hundert Meter entfernt. Jeder will irgendwohin, um irgendwas zu machen; und es rührt einen an, dass der Rosenthaler Platz schon das geheime Zentrum in Döblins Berlin Alexanderplatz war, weil sich die Gleichzeitigkeit in Berlin bis heute nirgendwo schöner collagieren lässt als hier. Auch durch den Audiowalk geistert deshalb ein Refrain, der uns mit den goldenen Zwanzigern verbindet: "Als das St. Oberholz noch die Neunte Aschinger Bierquelle war" –  mit jeder Wiederholung klingt das erhabener, ein bisschen nach Beethovens Neunter.