Frage: Wer sind die neuen Rechten in Israel?

Keret: In der Regierung sind es Typen wie Naftali Bennet, der rechtsextreme israelische Wirtschaftsminister. In der Gesellschaft sind es Leute aus der Mittelschicht mit eher orientalischem als europäischem Hintergrund. Sie sind halb-orthodox, essen koscher, aber steigen am Schabbat ins Auto. Es sind Siedler oder Unterstützer der Siedler. Sie sind Rassisten und meinen, sie seien mehr wert als Palästinenser und Araber. Sie sind Denunzianten und rufen bei Facebook dazu auf, unbequeme Personen auszuspionieren. Die Nachbarn sollen alles melden.

Frage: Die jüdische Kultur galt einst als tolerant und diskussionsfreudig...

Keret: ...sie ist eine Kultur des Mitgefühls und der Skepsis. Die jüdischen Propheten waren große Zweifler, diskutierten sogar mit Gott. Die Kunst des Debattierens, die Polemik gehören zu unserer Bildung. Für die Rechte ist die jüdische Identität eine andere: Wir sind stark und schlagen die anderen in Stücke. Sie meinen, die ganze Welt sei gegen Israel und es gebe nur eine Reaktion darauf: Verhärtung.

Frage: In Deutschland wird Kritik an Israels Regierung schnell als antisemitisch bezeichnet.

Keret: Meine Eltern sind Holocaust-Überlebende. Meine Mutter hat als einzige ihrer Familie das Warschauer Ghetto überstanden. Es ist ein Missbrauch ihrer Geschichte, wenn man sie nutzt, um Kritik an einem schrecklichen Krieg zu verbieten. Wer für diesen Krieg ist und die israelische Regierung unterstützt, soll sich rechtfertigen, ohne den Holocaust im Munde zu führen. Das ist kein Argument. Ich glaube, jeder Freund Israels muss die Sinnhaftigkeit dieses Konflikts anzweifeln. Er schadet uns. Einem drogenabhängigen Freund rät man ja auch nicht zu noch mehr Drogen.

Frage: Was schlagen Sie vor?

Keret: Wir brauchen keine Zwei-Staatenlösung. Wir brauchen die Vier-Staatenlösung. Ein Hamas-Land für die extremistischen Palästinenser und ein Fatah-Land für die gemäßigten. Ebenso ein Israel für die Radikalen und eins für die Vernünftigen. Die Extremisten können sich dann die Köpfe einschlagen. Und die Israelis und Palästinenser, die in Frieden miteinander leben wollen, können das auch tun. Man muss die Region vor den verrückten Fundamentalisten retten, die sie gekidnappt haben.