Jahrelang hat Osama bin Laden den Hof seines letzten Verstecks in Abbottabad nicht ohne Cowboyhut betreten. So steht es in einem 2013 veröffentlichten Bericht eines pakistanischen Untersuchungsausschusses, der nach Bin Ladens Tötung eingesetzt wurde. Der Grund dafür ist simpel: Bin Laden wollte vermeiden, dass ihn amerikanische Drohnen erspähen.

Dass der islamistische Terrorist sich mit einem ikonographischen Accessoire des Erzfeinds bedeckt hielt, mag man als obskure Anekdote abtun. Gleichwohl lässt es sich auch als Parabel auf seine Verfolger, die Drohnen, lesen. Wo diese Fotos schießen oder Raketen regnen lassen, werden die Verhältnisse travestiert. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Dank ihnen erscheint nämlich nicht nur Bin Laden, sondern auch das Kriegs- und Völkerrecht in neuem Gewand.

Genau das wird jedoch allzu wenig wahrgenommen. Unmanned Combat Air Vehicles gehören mittlerweile zur militärischen Normalität. Sie sind längst das Herzstück des war on terror, weshalb in der US-Armee momentan auch mehr Drohnenoperateure als Jet- und Bomberpiloten zusammen ausgebildet werden.

Die Bundeswehr verfügt hier zwar noch über eine sogenannte Fähigkeitslücke, aber Ursula von der Leyen macht sich ja bereits daran, diese zu schließen. Dabei ist Deutschland indirekt schon längst am Drohnenkrieg beteiligt. Von der Luftbasis Ramstein, der Kommandostelle Africom in Stuttgart oder der Kaserne im nordrhein-westfälischen Kalkar werden amerikanische Drohnen bereits weltweit navigiert.

Der französische Philosoph Grégoire Chamayou hat mit Ferngesteuerte Gewalt nun ein engagiertes Buch vorgelegt, das eine intellektuelle Schneise für die ausstehende Debatte schlagen könnte. Es liefert nämlich tatsächlich das, was es im Untertitel verspricht: eine Theorie der Drohne.

Es beginnt harmlos

Man muss der an Michel Foucault und Walter Benjamin orientierten Argumentation des in Lyon und Paris lehrenden Denkers gar nicht in jedem Punkt folgen. Ungemein lesenswert ist der Band allein schon deshalb, weil er detailreich illustriert, dass die Drohne keine bloße technische Innovation darstellt, sondern ebenfalls einem militärischem Paradigmenwechsel Vorschub leistet, der eminente ethische, rechtliche und politische Implikationen birgt.

Dabei begann die Geschichte der Drohne zunächst relativ harmlos. Dass diese nach einem stachellosen Insekt benannt ist, wirkt angesichts ihrer todbringenden Ausführungen namens Predator (Raubtier) oder Reaper (Sensenmann) heute zwar zynisch, hatte seinerzeit aber seinen guten Grund. Die ersten ihrer Art waren sogenannte target drones, ferngesteuerte Attrappen, mit denen amerikanische Artilleristen seit Beginn des Zweiten Weltkriegs ihre Treffsicherheit trainierten.

Im Vietnamkrieg verwendete die Air Force dann zwar Aufklärungsdrohnen zur Lokalisierung von Boden-Luft-Raketen, stellte entsprechende Forschungsprogramme danach aber praktisch wieder ein. Die israelischen Streitkräfte setzten die Entwicklung hingegen fort und verzeichneten zunehmende Fortschritte, sodass die Amerikaner in den achtziger Jahren ihrerseits die Forschung wieder aufnahmen. Lieferten Drohnen dann bereits im Kosovokrieg lasergesteuerte Zielmarkierungen für F16-Kampfjets, gelang der US-Armee am 16. Februar 2001 schließlich der erste Test, bei dem ein Predator sein Ziel mit einer Hellfire-Rakete pulverisierte.

Mit der Geburt der Kampfdrohne schien nun ein alter Traum von Militärstrategen Wirklichkeit geworden. Man hatte ein geradezu biblisches Wesen kreiert. Ein künstliches Auge Gottes, bestückt mit Hellfire-Raketen. Und ihre Nutzer wussten auch umgehend, was mit diesen Geräten anzufangen sei. So erklärte George W. Bush bereits wenige Tage nach den Anschlägen vom 11. September, dass die USA einen neuartigen Krieg führen werden, "einen Krieg, der auf unserer Seite eine internationale Menschenjagd erfordert". Dieses Versprechen haben Bush und sein Nachfolger Obama gehalten. Allein für Pakistan wird die Zahl der Drohnenopfer zwischen 2004 und 2012 auf rund 3.000 Personen geschätzt.