Wer mit einem Regenschirm das Haus verlässt, hat sein Leben unter Kontrolle. Er kennt den Wetterbericht vom Vortag oder ist zumindest früh genug aufgestanden und klar genug im Kopf, um die Wetterlage zu observieren. Der Schirmträger möchte möglichst trocken, mit unbeschadeter Frisur und Kleidung an seinem Ziel ankommen. Und, das ist interessant: Der Schirmträger hat ein Ziel. Immer, wenn es draußen ungemütlich wird, kommt der Schirm zum Einsatz. In diesen Tagen vor allem in Hongkong.

Dort hat sich die vielleicht höflichste Protestbewegung der letzten Jahre gebildet, bei der man sich für die zuvor errichteten Barrikaden entschuldigt (Sorry for the Inconvenience) und brav auf der Straße seine Hausaufgaben macht. Es sind meistens junge, mediensozialisierte, gut ausgebildete Menschen, die europäischen Journalisten ihre Übersetzungsdienste anbieten. Das macht einen sehr sympathischen, durchweg aufgeräumten Eindruck. Daran hat auch der Regenschirm seinen Anteil.

Was schon jetzt klar ist: Die Proteste in Hongkong haben nichts zu tun mit dem postapokalyptischen, paramilitärischen, primär männlichen Renegatenlook mit Sturmmasken, Bauarbeiter- und Motorradhelmen, wie wir ihn vom Maidan her kennen. Der Regenschirm ist auch als Piktogramm zurückhaltender, lieblicher als der Stencil-Pinguin mit Gasmaske, der an den Häuserfassaden rund um den Istanbuler Gezi-Park gesprüht wurde. Die Blüte auf Hongkongs Flagge sieht nicht zufälligerweise den Regenschirmen zum Verwechseln ähnlich, die derzeit auf seinen Straßen aufgespannt werden.

Es ist eben nicht nur ein politischer, sondern auch ein ästhetischer Konflikt. Die Bewohner Hongkongs, die 150 Jahre unter britischem Einfluss standen, stehen den finanzkräftigen Festlandchinesen, die die Mieten in die Höhe trieben und angeblich keine Manieren besäßen, kritisch gegenüber. Umgekehrt gelten jenen Chinesen die Schirm- und Mundschutz tragenden Demonstranten als snobistische Separatisten, ja Landesverräter.

Am Anfang der Proteste wurde der Schirm zuerst sehr aristokratisch als Sonnenschutz verwendet, bevor er als Schutzschild gegen Pfefferspray- und Tränengasattacken zweckentfremdet wurde. Der traditionell handgemachte chinesische Ölpapierschirm, der nicht nur vor Sonne und Regen schützt, sondern auch symbolisch vor Unheil bewahren soll, ist in der Innenstadt von Hongkong natürlich den massengefertigten Nylonschirmen westlichen Stils gewichen und man muss es der Vollständigkeit halber sagen: Made in China.           

Im westlichen Gedächtnis hat der Schirm im Übrigen seine größten Auftritte in Musicals wie Disneys Mary Poppins oder Les Parapluies de Cherbourg, mit Catherine Deneuve. Auch den Flaneur des Fin de Siècle kann man sich nur schwer ohne Schirm vorstellen. Es ist auch schon etwas her, da widmete Rihanna ihm sogar ein Lied. Aber, man denke an den notorisch zornigen Rentner: Der Schirm ist auch eine Waffe.