Wundertüte für Wissensjunkies – Seite 1

Das war schon ein bisschen gemein von den US-amerikanischen Kollegen: Niemand Geringeres als Edward Snowden hatten die Autoren der Wired für ihre September-Ausgabe getroffen. Das 18-seitige Porträt war eine Coverstory, die auch jedem großen politischen Magazin gut zu Gesicht gestanden hätte. Und es zeigte noch einmal, warum sich Wired seit seiner Gründung 1993 einen fast schon legendären Ruf erarbeitet hat in der Begleitung, Bewertung und Verständlichmachung von Fortschritt an sich, und dem, was er mit unserer Gesellschaft anstellt.

Wie soll eine deutsche Wired, die ab sofort für 4,50 Euro als monatliches Magazin auf den Markt kommt, den Vergleich mit einem solchen Vorbild bestehen? Kann man die Technik- und Zukunftsbegeisterung, die in amerikanischem Englisch immer so locker und richtig klingt, überhaupt geschmeidig in die deutsche Sprache übertragen? Kapieren deutsche Leser die Wired-Themensetzung, die eben viel weiter gefasst ist als Internet und Gadgets?

Fünf Testballon-Ausgaben einer deutschen Wired gab es schon, zwischen 2011 und 2013, die letzten vier übrigens mit Alexander von Streit als Chefredakteur, der dieser Tage passenderweise mit den Krautreporter ebenfalls vor dem Start eines neuen journalistischen Formats steht. Wirklich überzeugt hatten diese ersten Hefte trotz vieler guter Ideen nicht, sie waren immer ein wenig zu laut und angestrengt, mit zu wenig Klarheit in der Gestaltung. Dass die Wired Deutschland zunächst nur im Bundle mit dem Männermagazin G.Q. erschien, machte die Unternehmung auch nicht eben sympathischer.

Aber gut: Es waren eben Testballons mit kleinerer Mannschaft. Condé Nast, dieses große amerikanische Verlagshaus, das mit Vanity Fair, Vogue, Architectural Digest, The New Yorker und eben Wired viele ehrfurchtsgebietende Magazintitel herausbringt, hat sich bei Wired Deutschland einfach sehr viel Zeit genommen.

Das Cover der deutschen Ausgabe der "Wired" © Wired

Dafür machen sie es jetzt aber richtig: Zu einer mehrstündigen Präsentation lud der Verlag vergangenen Donnerstag Journalisten am Wired-Redaktionsstandort und deutschem Start-up-Mittelpunkt Berlin, wo dann erst mal Verlagsmenschen in latent angebullshittet-größenwahnsinnigem Vokabular ihre Pläne präsentierten. Die Quintessenz: Wired soll nicht nur ein Medium sein, sondern ein Impulsgeber für eine Community, die den Fortschritt als Chance begreift. Deswegen wird es auch die Ertragssäule "Events" geben, Wired UK probiert das bereits, etwa mit der Konferenz "Wired Finance" ("eine superspannende vertikale Fachkonferenz auf Top-Notch-Level"), und einen Education-Bereich in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Bildungsunternehmen Hyper Island ("ein Digital Harvard!").

Hier werden also große Brötchen gebacken, das sieht man auch an der Heftauflage von 120.000. Wobei das Heft, natürlich, gleich mit der neuen Webseite gedacht wird ("erste medienneutrale Medienmarke"). Und diese neue Webseite, natürlich, gleich von der Smartphone-Nutzung her gedacht wurde ("Mobile first ist für uns keine Strategie, das ist Realität").  

Auf den ersten Blick sieht wired.de dabei tatsächlich anders aus. So sind die Inhalte in "Collections" organisiert, das sind mit Spotify-Playlisten vergleichbare Sammlungen, in denen einzelne Artikel dann auch an mehreren Stellen auftauchen können. Auch wird der horizontale Raum viel weitgehender und intelligenter genutzt als bei herkömmlichen Webseiten, die ja meistens wie ein langer Schlauch nach unten gebaut sind. Zu einem Heft-Jahresabo für 45 Euro erhält man eine "Membership" für die Webseite (beziehungsweise, natürlich: umgekehrt), mit der man Texte, Videos und andere Inhalte früher oder exklusiv ansehen kann und diese sogar mit befreundeten Nicht-Membern teilen kann. Auch bei den Event- und Education-Plänen soll das Membership-Modell zum Tragen kommen.

Und das Heft selbst? Das ist ziemlich gut gelungen. Die Texte sind in jeder Hinsicht gut lesbar, die Seiten sind voll, bunt und lebhaft, aber nie unübersichtlich. Grafische und typografische Elemente und viele Illustrationen werden sinnvoll eingesetzt, dazu kommen opulente Aufschlagseiten und kluge Infografiken. Allenfalls die Optik der Fotos könnte noch ein bisschen schlüssiger werden.

Neugierige können viel lernen in der "Wired"

Ein weiterer großer Pluspunkt sind die Themen, verteilt auf die Rubriken "Kosmos", "Skills" und "Play". Sie sind meist überraschend und relevant – Wired zeigt einem Dinge, von denen man selbst nicht wusste, dass man sie spannend findet. Wer weiß schon, dass mehrere Hundert Meter unter Delitzsch, einem Städtchen nördlich von Leipzig, ein Riesenvorkommen seltener Erden schlummert? Und dass nun die Suche nach den passenden Bakterienkulturen begonnen hat, die diesen Schatz heben sollen? Wer kennt Ijad Madisch, 34, niedersächsischer Sohn syrischer Einwanderer, der den interdisziplinären digitalen Naturforscher-Treffpunkt ResearchGate erfunden hat und dafür unter anderem von Bill Gates mit Millionenkapital unterstützt wurde? Und der sich anschickt, das Monopol der völlig überteuerten Wissenschaftsfachmagazine zu brechen? Und wissen Sie, wie man Tonic Water selber macht? Was ein Coaster Counter ist? Oder wie weit ein Forscher damit ist, Salat ohne Sonnenlicht zu züchten?

Wer neugierig ist, kann viel lernen in Wired. Und "neugierig" steht ganz vorne in der Zielgruppenbeschreibung von Chefredakteur Nikolaus Röttger – der früher bei jetzt.de und gruenderszene.de war und mit Business Punk bewiesen hat, dass er neue Printmagazine am deutschen Markt etablieren kann.

Röttger findet außerdem, dass alle Wired-Themen unisex sind, und: "Ich freue mich, wenn unsere Leserinnen das Heft mögen, und dann gucken wir mal, wie viele es werden." Nun treten im ersten Heft gerade mal eine Handvoll Frauen in den Geschichten auf, denen mehr als zwei Dutzend Männer gegenüber stehen. An dieser Verteilung könnte man angesichts der aufgeklärten Haltung und des General-Interest-Anspruchs, die die Wired verkörpern will, noch ein wenig nachjustieren.

Ansonsten gibt es wenig zu meckern. Klar, man muss es nicht lieben, dass es in vielen Texten immer gleich ums große Ganze geht, als müsste man den Lesern die Relevanz des digitalen Wandels immer noch einmal erklären. Und auch die unbedingte Sprachgewitztheit vor allem in den Texten von Anja Rützel (ebenfalls von Business Punk gekommen) wird nicht jedem Leser bis in die letzte Alliteration zusagen. Und man darf die Titelgeschichte über Die Zukunft des Ich mit gutem Recht für eine letztlich antwortlose Sammlung von Denkanstößen halten. Zumal sich über die ständige Selbstkonstruktion in sozialen Netzwerken, die Selbstoptimierungs-Apps und die Unmöglichkeit, sich im Netz spurenlos zu bewegen, mittlerweile doch recht viele Feuilletonisten ausgelassen haben.

Aber man kann es ja doch nie allen recht machen. Die Eingangsfrage jedenfalls, wie eine deutsche Wired nun eigentlich aussehen, klingen und sich anfühlen muss, um nicht zu scheitern, ist beantwortet: Wie dieses Heft. Jetzt braucht sie nur noch die Leser dazu.