"Was macht der Irre jetzt?" lautet eine der vielen berühmten Schlagzeilen, mit denen die Bild-Zeitung ihren zweifelhaften Ruf zementiert hat. Sie erschien 1990 und galt dem damaligen irakischen Diktator Saddam Hussein. Es würde kaum noch jemanden verwundern, wenn die Redaktion diese Headline in den kommenden Tagen ausgrübe, um ihre Berichterstattung über Claus Weselsky noch eine Schraube weiterzudrehen.

Geht es um den Vorsitzenden der Lokführergewerkschaft GDL, die mit ihrem Streik derzeit den Bahnverkehr im Lande beeinträchtigt, scheint derzeit sehr viel möglich zu sein. Als "irre" hat die Bild-Zeitung den Gewerkschaftschef, der keineswegs ein Arbeiterführer alter Schule ist, sondern Mitglied der CDU, bisher noch nicht bezeichnet. Als "bahnsinnig" bzw. "größenbahnsinnig" dagegen schon. "Wenn Sie dem Bahnsinnigen selbst die Meinung geigen wollen, das ist seine Telefonnummer", teilte Springers Boulevardblatt unter anderem mit. Die B.Z., die Berliner Schwesterzeitung der Bild, platzierte die Zahlenfolge – es handelt sich um Weselskys Frankfurter Büronummer – sogar in ihrer Schlagzeile auf Seite 1.

Dass Medien politische Konflikte personalisieren, ist nicht ungewöhnlich. Das Feindbild Weselsky malen hiesige Journalisten aber in besonders kräftigen Farben. "Er ist aktuell wohl der meistgehasste Deutsche", schreibt Focus Online. "Weselskys Altbau-Fassade: So versteckt lebt Deutschlands oberster Streikführer", lautet die Überschrift dazu. Im Text ist erwähnt, in welchem Leipziger Stadtteil er lebt und wie weit sein Wohnhaus vom Hauptbahnhof entfernt ist. Illustriert ist der Artikel unter anderem mit einem Foto einer repräsentativen Häuserfassade; kurzzeitig war auch das Klingelschild mit der Aufschrift "Fam. Weselsky" abgebildet. Zitiert wird unter anderem ein zu vielem bereiter Bürger "aus Weselskys Straße": "Zum Glück habe ich in den letzten Tagen keine schlechten Erfahrungen mit der Bahn gemacht. Sonst würde ich jetzt da rüber gehen, klingeln und ihm mal richtig die Meinung sagen", wird er zitiert. Weselsky hat mittlerweile die Polizei verständigt.

"Der Größen-Bahnsinnige" betitelte die "Bild"-Zeitung einen Text über den Bahn-Streik. © BILD-Zeitung vom 5.11.2014, S.2, Repro/ZEIT ONLINE

Ein Burda-Sprecher rechtfertigte die Berichterstattung damit, man habe lediglich eine Häuserfront gezeigt, aber nicht das Haus, in dem Weselsky wohne. Der oder die Reporter – Autorenangaben fehlen im Text – beschreiben konkret einen "Innenhof mit einem kleinen, rotverklinkerten Häuschen. Der geheime Rückzugsort des GDL-Chefs. Er lebt abgeschieden." Das grenzt an Nonsens, weil nach dieser Lesart Tausende von Menschen, die in Innenhöfen von Altbauten wohnen, an "geheimen" Orten lebten. So absurd wirkt die Berichterstattung von Focus Online nicht zum ersten Mal. Kürzlich texteten sie in München die Headline "Seit 1992 sitzt Weselsky im warmen Büro." Dass die Angestellten von Focus Online in Büros ohne Heizung arbeiten, ist nicht anzunehmen.

Dass Burdas und Springers Boulevardfachleute in Sachen Weselsky an einem Strang ziehen, ist nicht unbedingt verwunderlich. Daniel Steil, seit 2011 Chefredakteur von Focus Online, kam von der Bild-Zeitung, er war dort Unterhaltungschef und für "Sonderaufgaben" in der Chefredaktion zuständig.

Man kann es medienethisch fragwürdig finden, dass die Redaktion Mitarbeiter rund um Weselskys Privatwohnung herumschnüffeln lässt. Ob die Berichterstattung auch juristisch bedenklich ist, ist eine andere Frage. Daniel Steil ist Diplom-Jurist, die Kanzlei Prof. Schweizer, die für den Burda-Konzern medienrechtlich im Einsatz ist, gehört auf diesem Feld zu den renommiertesten Adressen der Republik. Man darf davon ausgehen, dass da Leute am Werk sind, die wissen, wie man Grenzen geschickt touchiert. 2010 hatte Burda vor dem Bundesgerichtshof (BGH) Erfolg, als Joschka Fischer wegen eines Berichts über einen Hauskauf gegen die Zeitschrift Bunte vorgegangen war. Der frühere Außenminister hatte unter anderem dagegen geklagt, dass die Illustrierte ein Bild des feudalen Gebäudes, das in einem Berliner Villenviertel liegt, veröffentlicht hatte. Die Karlsruher Richter entschieden aber, dass die Berichterstattung zulässig sei (VI ZR 160/08).

Was haben Weselskys Wohnverhältnisse mit dem Arbeitskampf zu tun?

Zwischen dem Fall Fischer und der Berichterstattung über den Gewerkschaftsboss gibt es aber eine zentralen Unterschied: Der Artikel über die teure Immobilie sei "geeignet, gesellschafts- und sozialkritische Überlegungen der Leser anzuregen", meinten die Richter. "Die im Rahmen einer Berichterstattung aufgeworfene Frage, welchen Lebensstil die Einkünfte von Politikern erlauben und ob die von den Steuerzahlern aufgebrachten Diäten und Pensionen der Politiker den Erwerb entsprechender Immobilien ermöglichen" sei "durch ein starkes Informationsinteresse der Öffentlichkeit legitimiert." 

Dass die Wohnverhältnisse Weselskys im Zusammenhang mit der Arbeitskampfstrategie der GDL einen Informationswert haben, erschließt sich allerdings nicht. Der Gewerkschaftschef hat die Öffentlichkeit mittlerweile wissen lassen, dass das "Häuschen", das er gemietet habe, 61 Quadratmeter groß sei.

Das Thema "Wohnhausberichterstattung" sei rechtlich umstritten, sagt der Berliner Medienrechtler Tim Hoesmann. Als "privater Rückzugsort" sei die eigene Wohnung geschützt, eine "identifizierende Berichterstattung" könne das Persönlichkeitsrecht verletzen. "Die Frage ist, wo die identifizierende Berichterstattung anfängt." Der Straßenname ist in dem Artikel von Focus Online ist nicht erwähnt, und auf dem verwendeten Bild ist auch keine Hausnummer zu erkennen. Einige Elemente der Häuserfront seien allerdings auffällig, etwa das hohe Eingangsportal und der Balkon direkt darüber, sagt Hoesmann. "Wer sich in Leipzig auskennt, wird das Gebäude wohl erkennen." Insofern sei die Verwendung des Fotos zumindest "grenzwertig". "Wenn Weselsky sich dazu entschließen sollte, rechtlich dagegen vorzugehen, reitet er kein totes Pferd."

Journalistische Spielregeln verletzt

Der BGH hatte in seiner Fischer-Entscheidung allerdings betont, dass das Wissen des Ortskundigen nicht maßgeblich sei. "Für einen Ortsfremden" sei es "nicht einfach, anhand des Bildes das Haus zu lokalisieren", schrieben die Richter damals. Die Hamburger Anwältin Dorothee Bölke, die früher Geschäftsführerin des Deutschen Presserats und Justiziarin beim Spiegel war, sieht die Sache etwas anders als Hoesmann. Einen "Zusammenhang" zwischen den mitgeteilten Details zu Weselskys Wohnverhältnissen und dem Thema Streik könne sie zwar "nicht erkennen". Aber: "Die rechtlichen Grenzen wären erst überschritten, wenn die Adresse sichtbar wäre."

Die wesentliche Schwäche der Berichterstattung besteht darin, dass – auch in seriöseren Medien – die Auseinandersetzung mit dem Streik auf die Auseinandersetzung mit einer Person reduziert wird, die sich vermeintlich dafür eignet. "Wer den Tarifkonflikt bei der Bahn "auf das Niveau von 'Staatsfeind Nummer Eins' herunterzieht, verletzt die journalistischen Spielregeln und spielt zudem den Gegnern der Tarifpluralität in die Hände", sagt Michael Konken, der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes (DJV). "Stimmungsmache" sei nicht die Aufgabe der Medien.

Eine gewisse Berechtigung hat eine derartige Berichterstattung bei öffentlichen Personen allenfalls dann, wenn diese in anderen Fällen freiwillig und gern Teile Privatsphäre preisgegeben haben. Dies hat Claus Weselsky, im Gegensatz zu vielen Prominenten, bisher aber nicht getan.