Das eigentliche Problem ist, dass es Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender auf der ganzen Welt versäumt haben, diese wertvollen persönlichen Beziehungen aufzubauen und die vielen Chancen zu nutzen, die das Internet ihnen bietet. Stattdessen haben sie sich auf den Erhalt einer massenmedialen Ökonomie versteift, für die nur Quantität zählt: Wie viele Augenpaare sehen diese Anzeige? Sie verübeln es Google, das Geschäftsmodell der Medien verändert zu haben, indem die Suchmaschine ihren Nutzern relevantere und wertvollere Ergebnisse liefert und den Vermarktern ein besseres Geschäftsmodell anbietet, das auf Performance basiert statt auf Masse.

Ihr Kampf nahm immer absurdere Züge an:
1. Zunächst wurde ein Leistungsschutzrecht entworfen, um Google et al. zu verbieten, kurze Textausschnitte der Verlagsinhalte zu zitieren.
2. Anschließend wurde das Gesetz überarbeitet, um diese sogenannten Snippets zu erlauben.
3. Nichtsdestotrotz verklagten die Verleger Google für die Verwendung von Snippets und forderten von Google elf Prozent der dadurch erwirtschafteten Einnahmen.
4. Google kündigte an, keine Snippets der klagenden Verleger mehr zu zeigen.
5. Daraufhin warfen besagte Verleger Google vor, sie mit der Entfernung der Snippets erpressen zu wollen, die die Verleger ihrerseits ja nutzten, um Google zu erpressen.
6. Beamte verspotteten die Verleger vor dem Kartellamt.            
7. Die meisten Verleger kapitulierten, weil sie auf den Traffic von Google angewiesen sind.
8. Springer verweigerte Google die Erlaubnis, kostenlos Auszüge aus der Welt und drei weiteren Angeboten zu publizieren, genehmigte aber Snippets seiner Supermarke Bild.
9. Springer gestand ein, zu viel Datenverkehr von Google zu verlieren, kapitulierte schließlich und argumentierte, dies beweise nur Googles erdrückende Marktmacht. Die Verleger haben sich selbst, ihre Branche und ihr Land erfolgreich lächerlich gemacht.

Die deutschen Verleger haben beschlossen, nicht etwa auf dem freien Markt zu konkurrieren, sondern untereinander und im Bundestag. Sie nutzen ihren Einfluss auf den Gesetzgeber, um Google zu schaden und den Konzern zu zwingen, sich einige nicht näher spezifizierte Zugeständnisse abhandeln zu lassen. Dieser Versuch zeitigt unbeabsichtigte Folgen. Man schaue sich nur an, wie in Spanien aus dem Kampf gegen Google ein Kampf gegen den Link geworden ist. Verleger wie Regierung drohen damit, Google-Links zu besteuern, um schwächelnden veralteten Medienunternehmen zu helfen. Der Link aber, diese zentrale Erfindung von Tim Berners-Lee, trägt das gesamte World Wide Web. Wer den Link besteuert, tötet das Internet.

Springer hat darüber hinaus Verlage in ganz Europa sowie Rubert Murdochs News Corp. zusammengetrommelt, um die EU-Kommission – erfolgreich – unter Druck zu setzen: Sie soll ihren eigenen kartellrechtlichen Vergleichsvorschlag mit Google verwerfen. Zu diesem Zweck veröffentlichte Springers Döpfner einen maßlosen Text in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem er Google aller möglichen Sünden bezichtigte. Er verglich Google mit der Mafia, Big Brother und einem Wagner'schen Drachen. Er beschuldigte den Google-Gründer Larry Page, er wolle einen Inselstaat errichten, seine eigene Technokratie. Er behauptete, Angst vor Google zu haben.

Wie die Financial Times berichtet, soll das Europäische Parlament jetzt über die Forderung abstimmen, Google zu zerschlagen. Der deutsche Europaabgeordnete Andreas Schwab ist für dieselbe Anwaltskanzlei tätig wie Ole Jani, einer der Architekten des Leistungsschutzrechts. In einem seltenen Moment politischen Widerspruchs gegen die deutsche Googlephobie bezeichnete Kurt Lauk, der Präsident des CDU-Wirtschaftsrates, das Vorhaben als "Verlierer-Debatte" und mahnte im Handelsblatt: "Wir haben die Chance an einem 20-Billionen-Markt teilzuhaben, wenn wir das Internet und die Digitale Revolution nicht weiter eher wie eine Bedrohung behandeln." Sogar der EU-Internetkommissar Günther Oettinger widersprach der Idee von Googles Zerschlagung und nannte sie ein Instrument der Planwirtschaft, "nicht der Marktwirtschaft".

Springer und die verschiedenen in diesem Kampf engagierten Verlegerverbände betreiben ihre Lobbyarbeit gegenüber der EU mit Anzeigen und Videos, in denen sie argumentieren, Google nutze seine Marktmacht auf unfaire Weise aus. Die Verleger stellen dabei neue Maßstäbe auf: Es sei nicht fair von Google, auf seine eigenen Dienstleistungen und Werbekunden zu verweisen. Doch diesen Maßstäben werden die deutschen Verleger selbst nicht gerecht. In dem Video, in dem sie Google angreifen, schlagen die Verleger vor, bei Google nach "Schuhen" zu suchen: Man fände Googles Werbekunden an der Spitze der Suchergebnisse. Alles Weitere zum Thema Schuhe folge darunter. Und jetzt gehen Sie auf Springers Bild.de, klicken auf den "Schuhe"-Link oben auf der Seite, und Sie werden die Werbekunden der Bild finden – und nichts anderes. Soll man den Spiegel verpflichten, für den Focus zu werben? Wäre das nicht fair?

Es ist schon komisch, dass solche Bastionen des wirtschaftlichen und politischen Konservativismus wie Springer und News Corp. sich jetzt unter den Rock der Regierung flüchten wollen. Sicherlich ist es den Verlegern gelungen, die Politiker nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat die Zerschlagung von Google gefordert. Justizminister Heiko Maas hat Google aufgerufen, seinen Algorithmus offenzulegen – eine absurde und sinnlose Forderung, die einzig und allein den Spammern dienlich wäre.

Auf dem diesjährigen Zeitungskongress in Berlin gab sich Bundeskanzlerin Merkel pflichtbewusst die Ehre, um die schrumpfenden Vermögen und Redaktionen ihrer Gastgeber zu beklagen. Und der SPD-Abgeordnete Thomas Oppermann machte sich dort lieb Kind, indem er gelobte, Googles Marktmacht einzuschränken.