Hätte es diese Schulmeisterlichkeit und Marketingmentalität schon immer gegeben, wir hätten keinen Kafka, keinen Kleist, keinen Doderer und erst recht keinen Musil. Und um sich nicht dem Vorwurf des Ewiggestrigen auszusetzen: auch keinen Lutz Seiler. Der Literaturbetrieb mit seinen Instituten, Schreibwerkstätten und Universitäten vollzieht fast unbemerkt einen Standortwechsel: nämlich weg von der Mitte der Gesellschaft, in der die erzählwürdigen Geschichten entstehen. Er macht seinem Namen als Betrieb mehr und mehr Ehre, er produziert Autoren, die Autoren produzieren Plastiktexte. Dass gleich zwei von ihnen beim diesjährigen Wettbewerb die Literaturinstitute selbst zum Thema ihrer Geschichte machten, sollte gewiss Respekt vor so viel Selbstironie abtrotzen, wirkte aber nur hilflos. Der Witz kam ungelenk daher, der erste Zuschauer schlief ein, und der Juror Andreas Maier ging vom Wasser zum Wein über. 

Fein ziselierte Gedankeneskapaden

Die Jury, in der neben Andreas Maier auch Marion Poschmann und Björn Kuhligk saßen, vergaben den zweiten Preis für Prosa verdientermaßen an Mareike Schneider für Holzmieten, in der sie über den Tod des Großvaters schreibt. Die Vergabe des ersten Preises an Doris Anselm für Die Krieger des Königs Ying Zheng ist leider nicht nachvollziehbar – eine Mischung aus Kiezdeutsch und Kanak Sprak, die nur schwer auszuhalten ist, aber von der Radioreporterin natürlich beeindruckend vorgetragen wurde.

Der Lyrikpreis ging an Robert Stripling für seine Prosagedichte, die ganz gewiss die intelligentesten Texte des Wettbewerbs waren. Wenn man etwas aus den Textkonvoluten zu Literatur erheben wollte, dann seine fein ziselierten Gedankeneskapaden. "Sie glauben gar nicht", sagte einmal Joseph Roth, "welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist." Um das Leben mit mehr guten Romanen zu bereichern, auch darum wünscht man dem Open Mike für die Zukunft weniger Professionalität.