Avanciert der Leib somit zum Objekt einer politischen Ökonomie, wird er sukzessiv rationalisiert, diszipliniert und optimiert. Die Präimplantationsdiagnostik und das sogenannte Social Freezing, das Einfrieren von Eizellen, sind hierfür nur zwei der jüngsten Beispiele.

Gleichermaßen unterliegt auch der Tod einem Prozess der fortlaufenden Redefinition. Durch biotechnologische, medizinische und pharmazeutische Fortschritte wird auch er stetig "optimiert". Vor diesem Hintergrund erscheint freilich auch die Sterbehilfe als offenkundiger Ausdruck der Biomacht. Ist sie deshalb auch abzulehnen? Eine Kritik der Biomacht, darauf hat etwa die Rechtsphilosophin Marcela Iacub hingewiesen, kann nicht darin bestehen, jeden "künstlichen" Eingriff ins Leben per se zu disqualifizieren.

Würde man dies tun, müsste man streng genommen auch technologisch-pharmazeutische Innovationen in der Palliativ- oder Transplantationsmedizin ablehnen. Vielmehr geht es darum, biopolitische Paradigmen demokratisch zu kontrollieren und nicht der exklusiven Verfügungsgewalt von Markt oder Staat zu überlassen. Denn es ist natürlich ein kategorialer Unterschied, ob eine Regierung oder das autonome Individuum über lebensverlängernde oder -verkürzende Maßnahmen entscheidet, ob die Verfahren der Organspende politisch kontrolliert oder der Marktlogik überlassen werden.

Unverletzlichkeit des Bürgers?

Diese Differenzierung findet sich implizit auch bei Foucault. In seinem Spätwerk aktualisiert dieser die antike Idee einer Ästhetik der Existenz. Das meint, dass der Einzelne sich mittels Technologien des Selbst in einem gewissen Maße von den Technologien der Macht emanzipieren kann. Unter ersteren versteht Foucault dabei bewusste Praktiken, "mit denen die Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stilkriterien entspricht".

Der Begriff der Ästhetik bezieht sich hierbei also auf das Konzept einer Lebenskunst, das dem Dasein eine autonome Gestalt zu geben weiß. Und dies kann sich nicht zuletzt in Formen der körperlichen Selbst-Einwirkung äußern, welche den Grad persönlicher Unabhängigkeit steigern. Im Fall einer unheilbaren Erkrankung ließe sich die persönliche Entscheidung, seinem Leid ein Ende zu setzen, somit als letzter Akt einer selbstbestimmten Lebenskunst lesen.

Eine nicht unähnliche Argumentation findet sich bei einer Reihe amerikanischer Philosophen, darunter John Rawls und Ronald Dworkin, die im März 1997 ein Plädoyer für das Recht auf assistierte Sterbehilfe vorlegten. Der Anlass dafür war ganz konkret. Zwei todkranke Patienten versuchten seiner Zeit am Surpreme Court just dieses Recht einzuklagen.

Rawls und Dworkin argumentieren dabei zunächst ganz klassisch liberal. Grundlegend besitze der Staat zwar selbstverständlich eine Schutzfunktion gegenüber seinen Bürgern, weshalb er die Sterbehilfe an strenge Kriterien binden müsse. Im Fall von unheilbar Kranken, die diese Wahl bewusst und wohlüberlegt treffen, müsse sie jedoch gewährt werden, da die Möglichkeit, Leid zu vermeiden, den innersten Kern der "persönlichen Würde und Autonomie" betreffe. Entsprechenden Patienten diese Option zu verweigern, wäre nurmehr in Rekurs auf eine religiöse oder ethische Überzeugung möglich, die dem Leben einen Wert an sich (value or meaning of life itself) beimisst. Den Bürgern derlei Überzeugungen aufzuzwingen, verbiete jedoch die amerikanische Verfassung.

Rawls und seine Mitstreiter gehen nun aber noch einen Schritt weiter, sodass ihre Argumentation schließlich in der Nähe von Foucaults Begriff der Ästhetik der Existenz erscheint. Den eigenen Tod herbeizuführen sei unter diesen Umständen nämlich eben gerade keine Geringschätzung des Lebens, sondern vielmehr das selbstbestimmte Insistieren auf dessen Unverletzlichkeit. So heißt es: "Die meisten von uns sehen im Tod – unabhängig von unseren Glauben, was darauf folgt – den finalen Akt im Drama des Lebens. Und wir wollen, dass sich in diesem letzten Akt unsere eigenen Überzeugungen widerspiegeln, jene, entlang derer wir auch gelebt haben. Nicht jene, die uns in unserem schwächsten Moment von anderen aufgedrängt werden."

Unabhängig vom jeweiligen Standpunkt werden innerhalb der Sterbehilfedebatte stets Respekt, Ehrfurcht und Nachdenklichkeit eingefordert. Völlig zu Recht. Selbstverständlich gibt es kaum ein anderes Thema, dass so vielschichtig, existenziell und emotional besetzt ist wie dieses. Dennoch sollte das nicht zu dem Trugschluss führen, dass es sich hierbei um eine Art herrschaftsfreien Diskurs handelt. Geht es zumindest implizit auch immer um die Fragen, wo das Recht des Individuums anfängt und wo jene von Markt und Staat aufhören, offenbart sich die Auseinandersetzung um die Sterbehilfe als Knotenpunkt von politischen, juridischen und ökonomischen Diskursen. 

Oder zugespitzt gesagt: Fragt man nach Würde, fragt man, ob man will oder nicht, auch stets nach Macht.