Die Diktatur stört immer nur den, den sie betrifft. Dies ist eines der wichtigsten politischen Erkenntnisse, die ich in meinem Leben aus eigener Erfahrung bislang gewonnen habe. Aus diesem Grund kann ich sagen, dass ich vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls Fernsehzeugin eines Bundestagsmoments wurde, den ich niemals vergessen werde. Das weiß ich jetzt schon. Denn ich sah einen alten, zornigen Sänger, bei dem der Schmerz, die Wut und die Bitterkeit nicht nachgelassen haben. Weil er verwundet wurde von seinem Staat.

Wolf Biermann, der aus der DDR ausgebürgert wurde und sich als "Drachentöter" erhöht und stilisiert, aber eben auch Opfer ist, weshalb sich jeglicher Spott verbietet, hat mir gezeigt, dass die Demokratie, so wie wir sie in öffentlichen Diskursen betrachten, für den, der auch die Abwesenheit dieses Systems kennt und erlitten hat, erst einmal nur eine juristische Konstruktion auf dem Papier ist. Der aus seinem politischen System Herausgeworfene darf im nächsten politischen System im höchsten Saale der Republik auftreten. Damit wird ihm die höchste Ehre, die die parlamentarische Institution hat, zuteil. 

Da sieht einer also die Systeme kommen und gehen und verstößt hüben wie drüben gegen sämtliche Regeln. Vielleicht ist seine politische Bildung, wie manche ihm vorwerfen, beschränkt, denn er hat Bundestagsmitgliedern, die ein Recht haben, da zu sitzen, wo sie sitzen, dieses Recht abgesprochen. Er hat sie beschimpft und ihnen Misstrauen entgegengebracht. Er hat sie diffamiert und diskreditiert.  

Wolf Biermann hat gegen die Regeln verstoßen, indem er sich nicht als regeltreuer Staatsbürger verhielt, sondern als Mensch zeigte. Als gebrochener Drachentöter, der, egal wie viel Zeit auch vergehen mag, nicht über das hinweggekommen ist, was ihm widerfuhr. Er sollte singen. Aber er redete. Allerhand Blödsinniges, zugegeben, auch Stolzes und Eitles, aber so ist das. Menschen, die von ihren Regimen erniedrigt wurden, sind entweder lebenslang still oder lebenslang wütend und laut. Auch sie haben ein Recht dazu, so zu sein, wie sie sind. Man stört sich immer an dem, wovon man am meisten bedroht wurde und wird. Diese Bedrohung kann auch dann noch als real empfunden werden, wenn sie womöglich gar nicht mehr real ist. Und wer sie nicht als Gefahr betrachtet, kann sie immer noch als Zumutung empfinden. 

Unter den Linken, die Biermann beschimpfte, saß auch eine Frau, die wie keine andere in diesem Land unermüdlich gegen Antisemitismus kämpft. Und gegen Rechtsradikalität aufsteht. Die nicht müde wird, das staatliche Geflecht und seine unrühmliche Rolle bei der Rolle des NSU-Skandals anzuprangern. Es ist Petra Pau. Laut kann sie nicht mehr werden, denn eines Tages hatte es ihr einfach die Sprache verschlagen. Sie wurde stumm, weil sie keine Stimme mehr hatte. Ist so eine Frau "ein elender Rest"? Sie war SED-Mitglied. Oder ist sie heute eine unermüdliche Kämpferin, weil sie einst in der SED war und über sich und ihren ehemaligen Staat ausreichend reflektiert hat?

Unser ganzes politisches Bestreben ist der Versuch, das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Menschen, Auffassungen und Parteien in zivilisatorische Bahnen zu lenken, damit wir nicht übereinander herfallen. Die Abgeordneten tun das mit dem Mandat ihrer Wähler. Aber auch die Künstler haben ein Mandat. Es ist das Mandat der Kunst. Denn wer landet als erstes in Diktaturen im Knast? Immer die Dichter, die Schreiber, die Sänger.

Was ich sagen will: Es gibt in diesen Dingen kein richtig oder falsch. Man kann nur versuchen zu verstehen, was Diktaturen bewirken. Nämlich das, was wir am Freitag im Bundestag verfolgen konnten. Das schockierte Gesicht einiger Linker, denen sich Biermann als Strafe ankündigte. Das versteinerte Gesicht Gysis. Das Trommeln im Takt der Musik eines Linken-Abgeordneten, der zuvor von Biermann beschimpft wurde. Das Aufspringen der ansonsten eher sedierten Kanzlerin von ihrem Stuhl, um auf Biermann zu zueilen und ihr anerkennendes Klopfen auf seine Schulter. Das alles kommt von irgendwo her. Das sollte man sich anschauen und bedauern und nicht losmeckern.  

So weit, so gut. Wir springen für unser Zitat noch mal an den Anfang. Norbert Lammert, Bundestagspräsident, hat Wolf Biermann eigenmächtig und ohne Absprache eingeladen. Biermann kommt, hat ein blaues Hemd an, weißes T-Shirt darunter, Gesicht angespannt, der Mund verkniffen. Man erkennt die Melodie von Ermutigung. Biermann atmet schwer ins Mikrofon, jedem ist völlig klar, dass er etwas sagen will. Muss. "Herr Lammert, ich freue mich, dass Sie mich hergelockt haben. Und ich ahne schon, weil ich Sie als Ironiker kenne, dass

Sie hoffen, dass ich den Linken ein paar Ohrfeigen verpasse."

Wenig später meldet sich Lammert am Mikrofon. Aber nicht, um diese Ungeheuerlichkeit zurechtzurücken, sondern darauf hinzuweisen, dass die Geschäftsordnung nur Singen, nicht aber Reden vorsieht. Lammert und Biermann scheinen sich gut zu kennen und zu mögen. Lammert gratuliert noch im Bundestag Biermann und seiner Frau zum Ehejubiläum. Und immer noch kein Geraderücken. Das ist ganz schön bemerkenswert. Hat der Bundestagspräsident Biermann eingeladen, um damit gegen die Linken zu protestieren? Petra Pau ist Vizepräsidentin des Bundestages. Sie lädt doch auch nicht die Toten Hosen ein, damit die gegen die CDU ansingen. Kann jetzt jeder Abgeordnete Sänger ins Parlament einladen, um an hohen Tagen im hohen Haus Protestmusiker engagieren, weil er einer unliebsamen Partei eins auswischen will? Wenn dem so wäre: pfui. Wenn nicht: nichts für ungut.