Der Musiker Damon Albarn veröffentlichte in diesem Jahr sein Solo-Debüt. © Warner Music

Zum Hören

Was hört man, wenn man die Gegenwart mag aber irgendwie auch schrecklich findet? PeterLicht! "Das ist das Ende vom Kapitalismus, jetzt isser endlich vorbei! Vorbei, vorbei, vor-vorbei, vorbei", singt er, und alle stimmen erleichtert in den Stadion-Refrain ein, wissend, dass Illusionen durchs Leben helfen. Der Kölner Musiker, Schriftsteller und Schauspieler ging in diesem Jahr mit dem großartigen Programm Lob der Realität auf Theatertour und hat genug Anhänger, um sich von ihnen ein Live-Doppelalbum finanzieren zu lassen. Aber es müssen noch mehr werden. Denn mit PeterLicht ist alles viel weniger schlimm. Rabea Weihser

* * *

Nur vier Mitglieder hat die Londoner Band Cristobal and the Sea, gerade genug für einen bunten Haufen. Auf ihrer Debüt-EP Peach Bells hüpft der Bossa Nova, es klimpert die Folkgitarre, es summt der Synthesizer und dazu singen die vier aus Spanien, Portugal, Korsika und Großbritannien verträumte Chöre. Endlich ist Devendra Banhart nicht mehr der einzige Hippie im Gegenwartspop. "What are you doing to my soul?" fragt der Song My Love. Das können Hörer von Cristobal and the Sea genau beantworten: Sie tanzt. Maria Exner

* * *

In Professor Byung-Chul Hans wöchentlichen Vorlesungen in Berlin geht es um den Ablasshandel im Silicon Valley und die Börse als alchemischen Ofen. Nirgendwo sonst wird Hausfrauen, die zustimmend murmeln, als lauschten sie einem amerikanischen Sektenführer, angehenden Mode- und Grafikdesignern, die von ihren Smartphones Unterschriften für die Anwesenheitsliste abpausen, in erfreulicher Regelmäßigkeit folgender Satz mit nach Hause gegeben: "Sie werden alle kompostiert". Fabian Hartjes

* * *

Damon Albarns Album Everyday Robots ist das beste des Jahres. Das heißt, keine Ahnung, ob es das beste des Jahres ist. Um das zu wissen, müsste man ja alle Alben gehört haben. Aber angenommen, man hat nicht alle gehört, aber dieses schon, dann ist dieses eines von den guten. Es enthält übrigens keineswegs, wie behauptet wird, nur Musik für männliche Melancholiker in den mittelspäten Dreißigern, die sich gerade damit abzufinden beginnen, dass sie nicht mehr jung sind. Sondern auch für weibliche. Klaus Raab

* * *

Wer auch immer dieser Ezra ist, dem Erol Sarp und Lukas Vogel ihren Song Ezra was right gewidmet haben, er muss ein zarter Geist sein. So wie die beiden, die sich Grandbrothers nennen, ihn mit ihrer Symbiose aus Klavierspiel und Elektronik umgarnen, anhimmeln, verehren. Dabei spielen die beiden Ton- und Bildtechniker nicht einfach Klavier: Der Flügel wird zum verkabelten Baukasten, dem sie mit elektromagnetischen Hämmerchen Klänge entlocken, die danach durch den Laptop gejagt so seltsam klingen wie tief gehen. Bisher gibt es nur eine EP, bald kommt das Album. Ezra hatte Recht. Mareike Nieberding

* * *

Von dem Album Ich bin der Mann von Der Mann: "Was mich an Begräbnissen stört, ist der Tod/ Was mich am Winter stört, ist die Kälte/ Was mich am Papst stört, ist das Heilige." Genau. Carolin Ströbele 

* * *

Sie sieht auf den ersten Blick so harmlos aus, als sei sie der Kelly-Family entlaufen, doch was für eine Kraft, Konzentration und Poesie liegen in Everybody Down von Kate Tempest. Die Platte der sozialkritischen Sprachkünstlerin aus dem Süden Londons mit den präzisen Beats und unerhörten Geschichten über das Leben dreier junger Menschen wurde völlig zu Recht für den Mercury-Prize nominiert. Entschlossen, inbrünstig und mit Botschaften von unbedingter Dringlichkeit – welches Album kann das heute schon von sich behaupten? Silke Janovsky

* * *

Der Film Inside Llewyn Davis von Ethan und Joel Coen gehörte im vergangenen Jahr zu den wichtigsten Filmen. Auch wegen der Musik. Für jeden, der davon (Folk!) nicht genug bekommen konnte, erschien später noch eine DVD: "Another Day, Another Time – Celebrating the Music of Inside Llewyn Davis". Darin wiederum treten The Milk Carton Kids auf. Nur kurz (sie kommen im Kinofilm gar nicht vor), aber lang genug, um sich fürs Weiterhören sofort deren Album The Ash & Clay runterzuladen: Kenneth Pattengale und Joey Ryan wirken wie die zu Musikern gewordenen Coen-Brüder. Wenke Husmann

* * *

Wenn man ihm übel wollte, könnte man Bonnie Prince Billy vorwerfen, dass es nicht viel Neues zu hören gibt auf Singer’s Grave – A Sea of Tongues. Fast alle Songs sind schon mal auf früheren Alben erschienen. Was schert es uns? Dieser eigenartige bärtige Kauz ist einfach einer der grandiosesten Songwriter unserer Tage, da hören wir gern ein bisschen doppelt, auch dreifach, wenn es sein muss. Außerdem erscheinen die Songs im neuen Arrangement, und das macht hier eindeutig die Musik. Wiebke Porombka

* * *

Über Musik zu schreiben, heißt es, sei unmöglich. Stimmt aber gar nicht. Im Roman Orfeo huldigt der Schriftsteller Richard Powers ihrer Macht und ihrem Zauber, ihrer Ewigkeit und Vergänglichkeit. Klug wie sinnlich, so brillant komponiert wie spannend, denn schließlich erzählt Powers hier auch eine Thrillergeschichte über staatliche Überwachung. Vor allem aber eine über die unmöglichen Bedingungen der Kunst, mit allen Entbehrungen und Enttäuschungen. Und welche Musik auch immer Powers beschreibt und zum Leben erweckt, atonale Musik, Pop, Schostakowitsch oder Thrash Metal: Selten wurde ein Buch so mit dem Ohr geschrieben. David Hugendick