Der Schnitt ist gemacht. Monatelang wurde die Diskussion um Wolfgang Büchners Eignung als Chefredakteur des Spiegel in unwürdiger Weise öffentlich ausgetragen. Nun ist dieses Kapitel beendet. Wie Handelsblatt und NDR sowie die Branchendienste Meedia und Turi2 berichten, hat der Verlag die Trennung von Büchner beschlossen. Mitarbeiter des Spiegel mit Kenntnis der Sachlage haben dies ZEIT ONLINE bestätigt. Schon offenbart Büchner auf seinem Twitterprofil seine Sicht der Dinge mit einem Beckett-Zitat: "Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better." Wenig später gab der Spiegel auf Twitter bekannt, dass Wolfgang Büchner zum 31. Dezember den Verlag verlässt. Der Geschäftsführer Ove Saffe werde sein Amt niederlegen.

Die Ära Büchner ist eine dunkle in der Geschichte des Verlagshauses und der deutschen Medien: An seinem Aufstieg und Fall binnen 15 Monaten zeigt sich die Ratlosigkeit vieler, wie mit Journalismus noch so viel Geld zu verdienen sei, dass gewachsene Strukturen erhalten bleiben können, während das Geschäftsmodell umgebaut werden muss.

Der Springer-Verlag entschied, nachdem sein Bild-Chefredakteur Kai Diekmann zur Fortbildung im Silicon Valley gewesen war, dass die meisten Printmedien schlicht keine Zukunft hätten. Er trennte sich von TV-Illustrierten wie der Hörzu, die wiederum die Funke-Mediengruppe dankbar aufnahm. Deren Geschäftsführer Manfred Braun hält am Glauben an das gedruckte Wort fest. Er weiß, wie man mit kleinen Belegschaften viele Publikationen füllt und damit Gewinne erwirtschaftet.

Im Online-Journalismus ist dafür oft noch kein allgemeines Rezept gefunden. Bisher subventionieren die meisten Verlage ihr Online-Angebot durch die Einnahmen der Druckausgabe – nur eine Handvoll weist in Deutschland echte Gewinne aus, darunter seit Jahren auch Spiegel Online. Wenn die Druckauflagen langsam sinken, so das Kalkül vieler Printmanager und -journalisten, dürfen eben auch Netzangebote in Zukunft nur noch kostenpflichtig angeboten werden, um das erodierende Stammgeschäft zu stützen und zu schützen.

Die anhaltende Debatte schadete der Marke

An den Zahlen allerdings ist Wolfgang Büchner nicht gescheitert. Die reinen Printverkäufe abzüglich der ePaper lagen im dritten Quartal 2014 bei knapp 830.000 Exemplaren, das sind rund 66.000 weniger als im Vergleichszeitraum 2013 – nur ein kleiner Makel. Vielmehr war es die Beschädigung der Marke durch die anhaltende Debatte um den Chefredakteur Büchner, die die Redaktion und Gesellschafter am Ende umtrieb. Büchners Abgang wäre für alle ein Befreiungsschlag, war immer wieder aus der Print-Redaktion zu hören. Man wolle und könne weiter erfolgreich arbeiten, glaubt man in Hamburg. Nur eben ohne diesen Chefredakteur.

Der Streit war eskaliert, als Büchner verkündet hatte, die Stellen aller Print-Ressortleiter neu auszuschreiben und als gemeinsame Print- und Online-Stellen zu konzipieren. Die betroffenen Ressortleiter hatten ihm daraufhin in einem Brief geschlossen ihr Misstrauen ausgesprochen. Büchner reagierte, indem er zwei der Ressortleiter, Armin Mahler (Wirtschaft) und Lothar Gorris (Kultur), Abfindungsangebote unterbreitete.

Die Vereinheitlichung der Führungsstrukturen gefährde die "bewährte Arbeitsweise" und die "journalistische Qualität der eingeführten Produkte", hatten die Ressortleiter in ihrem offenen Brief geschrieben. "Für diesen Totalumbau der hierarchischen Struktur gibt es keine Notwendigkeit".

Zwar entlarvt der letzte Satz die Autoren als Besitzstandswahrer. Doch ist vermutlich der Mehrheit der Spiegel-Redakteure an einem behutsamen Umbau gelegen: "Erst wenn im Laufe dieses Prozesses präzisere inhaltliche Vorstellungen über die digitale Zukunft entstanden sind, werden wir wissen, welche inhaltlichen Aufgaben sich stellen, wie man sich in den Redaktionen und Ressorts organisiert und von wem sie geleitet werden."