Frank Schirrmacher wurde im zarten Alter von 35 Jahren Mitherausgeber der FAZ und blieb dies 20 Jahre lang bis zu seinem frühen Tod. Auf ähnlich lange Epochen, in denen sie der klassischen Printmedien-Szene ihre starken Stempel aufdrückten, konnten Rudolf Augstein und Henri Nannen, Theo Sommer und Axel Springer, Erich Böhme und Alice Schwarzer zurückblicken.

Nun aber gilt in der klassischen Printmedien-Branche das Prinzip des kurzfristigen hire and fire. Jüngstes Beispiel ist Wolfgang Büchner, der als Chefredakteur des Spiegel gehen muss. Seit Stefan Aust nach 14 Jahren die Leitung abgeben musste, beherrscht die Führungskrise die Stimmung im Haus. Nach fünf Jahren waren die Diskrepanzen zwischen den beiden Chefredakteuren Matthias Müller von Blumencron und Georg Mascolo so evident, dass der Verlag im September 2013 Büchner als ersten Online- und Print-Chefredakteur in Personalunion einsetzte.

Nach knapp 15 Monaten endet seine Amtszeit nun. Genau so kurz war die von Dominik Wichmann beim stern, der im August von seiner Absetzung aus den Medien erfuhr. Jörg Quoos, der kurz darauf seinen Posten beim Focus aufgeben musste, war 20 Monate im Amt. Beruhigend zu wissen ist es angesichts solcher fluiden Kontexte, dass Kai Diekmann von der Bild seit 2001 kontinuierlich darüber entscheidet, wer unter den deutschen Politikern im Aufzug herauf- oder heruntergefahren wird.

Abwehrzauber und Hoffnungsträger-Hype

Die Tatsache, dass sich Büchner trotz des heftigen Protests der Redaktion noch monatelang auf seinem Posten halten konnte, ist nicht als Zeichen der Entspannung zu werten. Sondern vielmehr ein Hinweis, dass es in Deutschland offenbar niemanden gibt, der sich den Posten beim Spiegel antun will. Was nicht weiter überrascht, wenn überall in immer kürzeren Abständen neue Chefredakteure bestellt und entlassen werden, die mit immer neuen Konzepten retten sollen, was noch zu retten ist. "Relaunch" ist das dann fällige Stichwort; ein neues Format, eine neue Drucktype und mehr Farbfotos sollen es richten.

Der Abwehrzauber und Hoffnungsträger-Hype zeugt von rührender Hilflosigkeit. Denn den aufgeregten Personalentscheidungen liegt eine tiefe Strukturkrise zugrunde. Was nicht ausschließt, dass sehr viele, gerade unter den Medien-Profis, das schrille und doch eindeutige Massengezwitscher lange nicht wahrnehmen wollten, nun aber nicht mehr verdrängen können.

Dabei ist die Botschaft von schöner bzw. schrecklicher Eindeutigkeit: Jüngere Zeitgenossen, gerade auch gut ausgebildete, verweigern sich hartnäckig der täglichen Lektüre abonnierter Zeitungen. Die Anzeigeneinnahmen brechen ein. Die Entlassungswelle ist da – auch auf der Redakteursebene. Drastischstes Beispiel ist der Verlag Gruner + Jahr, der sogar bei seinen Flaggschiffen Brigitte und stern reihenweise Mitarbeiter entließ. Gewinne machen die alten Printmedien allenfalls noch mit Weinverkauf und der Vermittlung von Kreuzfahrten, nicht aber mit der Produktion von Gedrucktem. 

Bücher und Zeitungen werden die neuen Pferdekutschen

Kurzum: Jeder, der nicht über exquisite Verdrängungsleistungen verfügt, kann seit Langem wissen, dass die Internet-Revolution die klassischen Printmedien unumkehrbar marginalisiert. Es wird auch in zehn, zwanzig und dreißig Jahren noch gedruckte Bücher und Zeitungen geben – aber eben so, wie es heute noch Pferde und Kutschen gibt. Keine kulturkritisch-nostalgische, in sich noch so überzeugende Klage über die großartige Haptik von Büchern, den Geruch einer frischen Zeitung und das anheimelnde Rascheln beim Umblättern einer Seite wird etwas daran ändern, dass sich elektronische Publikationsformen aufgrund ihrer ökonomischen, ökologischen und vor allem logistischen Vorteile durchsetzen – ach was, bereits durchgesetzt haben. Verteidiger der alten Printmedien sind so liebenswerte und so traurige Figuren wie zwei Mönche, die um 1500 darüber klagen, dass da so ein teuflischer Medienfuzzi die Bibel massenreproduziert, wo sie doch noch in aufopferungsvoller Aufmerksamkeit jahrelang Buchstabe für Buchstabe das Alte und das Neue Testament (fehleranfällig) abgeschrieben haben.

Ja, es gibt auch auf dem Gebiet der Mediengeschichte verlässliche Gesetzmäßigkeiten, gegen die man nicht sinnvoll revoltieren kann, auf die man aber klüger oder bornierter reagieren kann. Eines dieser Gesetze lautet: Die Dynamik neuer Medien lässt sich von kulturkritischen Klagen nicht ausbremsen. An Beispielen ist kein Mangel. Die Schrift setzt sich durch, auch wenn Platon sie als Medium verdammt, das die Gedächtniskunst austrocknet; Kino und Fernsehen setzen sich durch, auch wenn tonangebende Kreise das Theater höher schätzen; der Tonfilm setzt sich durch, auch wenn hochkulturelle Kinofans dem Mann am Klavier nachtrauern. Solche Medienkulturkämpfe haben immer auch einen unfreiwillig komischen Aspekt. Das ehemals bekämpfte neue Medium (etwa das Kino) wird nämlich genau dann selbst – gerade aus der Sicht seiner ehemaligen Verächter – zum guten Medium, wenn es seinerseits von einem neuen Medium wie dem Fernsehen bedroht wird.   

Zeitungen bleiben, wenn sie nicht ins Internet passen

"Nicht weinen!" war der sachliche Kommentar von Walter Benjamin zu Medienrevolutionen und Phänomenen wie dem massenmedial bedingten Auraverlust. Ein Trost aber bleibt den Medienkonservativen. Alte Medien verschwinden nicht einfach. Sie nehmen vielmehr einen anderen Systemplatz ein, sie erhalten eine neue Funktion. So wie man im automobilen Zeitalter nicht mehr reitet, um von A nach B zu kommen, sondern um exquisite Sport- und Naturerfahrungen zu machen, so wird man auch in Zukunft noch gedruckte Bücher und (dann sehr teure) Zeitungen in die Hand nehmen – etwa um den zu verschenkenden Lyrikband mit einer verliebten Widmung zu versehen oder um im Luxushotel auf dem Lande für zwei, drei Urlaubswochen ostentativ einem unzeitgemäßen Lebensstil zu frönen.

Gedruckte Zeitungen werden wieder das, was sie in ihrer Frühzeit einmal waren – "hinkende Boten", langsame Reflexionsmedien. Der schnell reitende Bote kam mit der Siegesnachricht, der hinkende Bote machte darauf aufmerksam, dass man noch mehr Siege nicht verkraften könne. Sonntagszeitungen und wöchentlich erscheinenden Zeitschriften ergeht es aus gutem Grund deutlich besser als der regionalen und überregionalen Tagespresse. Sie haben eine präzise Funktion, die nicht recht ins Internet passt: langsam und bedächtig zu sein.  

Schon Nietzsche hatte ein feines Gespür dafür, dass es seltsame Allianzen zwischen dem Unzeitgemäßen und dem Avantgardistischen geben kann. Liebhaber des Gedruckten (wie der 63-jährige Schreiber dieser Zeilen, der sein reales und symbolisches Bibliothekskapital weitgehend entwertet sieht) haben kaum eine andere Option, als sich wach, illusionslos und verdrängungsfrei auf die neue Medienkonstellation einzustellen.

Die alten und ökonomisch privilegierten Anhänger der Holzindustrie beim Spiegel mögen aufgrund eines für sie günstigen Vertragswerkes noch die Zügel in der Hand halten, die Pferde galoppieren dennoch in die Richtung, in die die Köpfe von Spiegel Online schon vor Langem aufgebrochen sind. Wolfgang Büchner war einer dieser Vorreiter. Marx hat wieder einmal Recht: Neue Produktivkräfte und Produktionsmittel lassen tradierte Produktionsverhältnisse schnell aus dem Tritt kommen; Revolutionen an der Techno-Basis bedingen Umstürze im Überbau. 

Die unwiderstehlichen Möglichkeiten des Internets

Die hektischen Personalentscheidungen in den Chefetagen der guten alten Printmedien sind erst einmal Schaum auf der Brandung, die alte Festungen unterspült. Was aber gerade nicht heißt, dass diese Personalentscheidungen unwichtig sind. Die klassischen Printmedien haben nur dann eine Chance auf eine starke Randexistenz im neuen Mediensystem, wenn sie wirklich gut sind, wenn sie in der einen oder anderen Hinsicht eine Qualität, eine Gründlichkeit, eine Langsamkeit anbieten, die nicht recht ins Internet passt.

Wie sagt man es schonend, bei aller Bewunderung für eine einflussreiche Macher-Persönlichkeit wie Frank Schirrmacher? Verstecken wir uns, wenig mutig, hinter einem Zitat. Im Merkur vom Februar 2012 hatte Joachim Rohloff Schirrmachers internetkritisches Buch Payback sorgfältig analysiert und war zu dem materialreich und sachlich begründeten Urteil gekommen, "dass Schirrmacher von dem, worüber er schreibt und redet, keinen blassen Schimmer hat". Und dies nicht nur, weil Schirrmacher den Twitter-Tweet konsequent mit dem Tweed-Stoff verwechselte und tatsächlich Sätze schrieb wie: "Nehmen wir den maschinenzentrierten Blick auf die Welt ein oder den menschenorientierten Blick? (…) Auf die letzte Frage lautet die Antwort eindeutig: Ja."

Rohloffs Text ist auch im Netz nachzulesen: Hilfloser und stammelnder als in Schirrmachers Buch kann die Kritik an der neuen Medienwelt nicht daherkommen. Wenn der nach verbreitetem Urteil beste und klügste Feuilleton-Kopf dergleichen schreibt, was kann man dann von den mittleren Rängen erwarten?

Nur Köpfe, die das Ende der Gutenberg-Galaxis und die unwiderstehlichen Möglichkeiten des Internets endlich illusionslos zur Kenntnis nehmen (McLuhans großartige Einschätzung konnte man schon vor 50 Jahren lesen), sind heute in der Printbranche chefetagentauglich. Alle anderen werden im sicher noch anhaltenden Personalkarussell vom Dauerschwindel erfasst werden, ihnen wird Hören und Sehen vergehen.

Der Autor Jochen Hörisch ist Germanist und Medienwissenschaftler. Er hält eine Professur für Neuere deutsche Literatur und qualitative Medienanalyse an der Universität Mannheim.