Zu den Top 3 unserer nationalen Bekenntnisphrasen gehören mit Sicherheit die "christlich-jüdische Tradition, die unsere kulturellen Werte darstellt", die Rede von der "deutschen Leitkultur" in jeglicher Deklination, gerne auch in eleganter Begleitung vom "Abendland", und:

Der Islam gehört zu Deutschland.

Der Satz wurde erstmals 2006 vom damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble ausgesprochen. Richtig prominent gemacht hat die Formulierung aber der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff  im Jahr 2010, wonach er nach Ansicht vieler politischer Kommentatoren, den Fahrstuhlknopf der Bild-Zeitung Richtung Abstieg selber betätigte. An diesem Montag, einen Tag nach dem Trauermarsch in Paris, wiederholte, oder soll man besser sagen, zitierte Angela Merkel diese Aussage, im Beisammensein von Ahmet Davutoğlu, dem neuen Premierminister der Türkei, der in Berlin zu Gast war.

Zunächst einmal folgendes. Der "Der-Islam-gehört-zu-Deutschland"-Satz ist wie das "Ich liebe Dich" des notorischen Ehebrechers. Niemals wird er in der mit Jalousien abgedunkelten Liebesroutine unter verwaschenen Frotteebettbezügen geflüstert, sondern immer erst im Kugelhagel des Meißner Porzellans aus der Deckung des Küchenbuffets gerufen. Wichtig ist also nie, ob der Islam zu Deutschland gehört, sondern wann er es tut. Jedes Jahr aufs Neue wiederholt Angela Merkel diese Aussage, und es ist erstaunlich, dass die Kritiker aus der rechtskonservativen Presse aus "Mutti Merkel" noch nicht "Mufti Merkel" gemacht haben.

Warum sagt Frau Merkel diesen Satz erneut? Sie sagt ihn zur Beschwichtigung. Hier soll etwas gekittet werden. Denn am gleichen Abend versammelten sich, wie bereits die Montage zuvor auch, einander unversöhnlich gegenüberstehende Lager. Auf der einen Seite deutsche Bürger, die Flüchtlinge und Muslime irgendwie nicht als ihresgleichen betrachten. Auf der anderen Seite die Gegner dieser Lebenseinstellung. Und das alles, wie gesagt, im Schatten eines Attentates, das diese Unversöhnlichkeit einer Nation, ihr Unvermögen, solidarisch und gleichberechtigt miteinander zu leben, auf die denkbar grausamste Weise illustrierte.

Nun, was bedeutet es schon, zu finden, dass "der Islam" dazu gehöre? Was, wenn er es nicht tut? Was müssten die muslimischen Staatsbürger dann tun? Und kann "der Islam" überhaupt irgendetwas, ist er ein Akteur, ein handelndes Kollektiv?

Würde unsere Präambel ihren Gottesbezug streichen ("Verantwortung vor Gott und den Menschen"), würde unsere Gesellschaft anders handeln, wenn wir grundsätzlich, also sprichwörtlich grundgesetzlich nur noch uns und keinem Gott verpflichtet wären?

"Der Islam gehört zu Deutschland" könnte natürlich irgendwann dazu führen, dass deutsche Muslime eines Tages genauso wie christliche Bürger eigene Steuern erheben und gesetzliche Feiertage haben dürfen. Wolfgang Bosbach sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, wohl aber die Muslime. Wenn Muslime zu Deutschland gehören, dann tut es auch der Islam. In jeder Ausprägung. In seiner humanitären genauso wie in der autoritären Lesart, mit all seinen positiven wie negativen Ausprägungen. Dann wären alle Probleme, die seine in Deutschland lebenden Anhänger bereiteten ein Problem, das hier in Deutschland gelöst werden muss und nicht irgendwo auf der Welt.

Die Islamdebatte nimmt oft groteske Züge an.