Politische Talkshows im gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen sollen den Bürger aufklären ohne parteiisch zu sein. Derzeit gibt es wenig Mangel an politisch brisanten Themen. Der Terror hat sämtliche Diskussionen um Mindestlohn oder Länderfinanzausgleich, mir fällt jetzt kein passenderer Begriff ein, abgeschossen.

 Paris, Pegida, Petry: Davon handelten die Sendungen der vergangenen Wochen.

Früher, als die Welt noch friedlich war, saß in jeder Sendung unser Sokrates vom Neckar. Warum auch immer, aber Heiner Geißler scheint sich zurückgezogen zu haben. Auch Norbert Blüm hat keine Zeit mehr für Talks. Das letzte Mal sah man ihn vor einer halben Ewigkeit im Fernsehen. Ich glaube, es war im Dezember letzten Jahres, als er mit seinem neuen Buch Einspruch unterwegs war. Es handelt von der deutschen Justiz. Seine Expertisen leitet Blüm freimütig wie folgt ein: "Von deutschem Recht verstehe ich wenig bis nichts." Eigentlich eine gute Voraussetzung, um überall mitreden zu können. Denn nichts stört in der politischen Gesprächskultur so sehr wie Wissen.

Es geht bei der Besetzung der Diskutanten nie um Partei- oder Geschlechterproporz, sondern ausschließlich um Unterhaltsamkeit. Nur wer als Garant für unvergessliche Knall- und Krachmomente gilt, darf Dauergast sein. Da wo früher Gertrud Höhler (mein Gott, lebt sie noch?) oder Charlotte Knobloch (nicht zu verwechseln mit Erika Steinbach!) saßen, nimmt heute in jeder Talkshow die AfD (Achtung, Verwechselungsgefahr mit Pegida und Landeszentrale für politische Bildung Sachsen) Platz.

Am Montag war der Terror nun also auch in Frank Plasbergs Sendung angekommen. Wenn Maischberger Operette ist, könnte man Plasberg als Pop bezeichnen. Bisschen Schmusi, bisschen gesellschaftskritisch, aber nicht übertrieben. Frank Plasbergs Thema hieß: "Terrorangst in Deutschland – wie nah ist die Gefahr?"

Mit Terrorangst ist, das sollte man für den politisch unvoreingenommenen Bürger betonen, die islamistische Bedrohung gemeint. Es erörterten Journalisten, Politiker und ein Polizist. Natürlich wusste da auch niemand etwas Konkretes. Allgemeines Auskennertum reicht völlig aus. Zehn Minuten vor Ende der Sendung beantwortete Frank Plasberg die von ihm selbst gestellte Frage dann selbst. Er zeigte einen Einspieler, in dem dieser Text gesprochen wurde:

"Seit 2001 sind zwei Menschen in Deutschland durch einen islamistischen Terroranschlag ums Leben gekommen. Im selben Zeitraum verunglückten mehr als 6700 Radfahrer tödlich. Und: Seit 2001 starben in Deutschland 90.000 Menschen bei Unfällen im Haushalt. Im Vergleich ist die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland durch einen islamistischen Terroranschlag ums Leben zu kommen, also extrem gering."

Der Versuch, Angst wie einen mathematischen Faktor zu behandeln und durch verschiedene statistische Größen in Bezug zueinanderzusetzen, dient zur Abschwächung des Arguments. Man nennt es Relativierung. Aber wie es mit der Angst halt so ist. Sie ist ein Gefühl. Die gefühlte Bedrohung hat nie etwas mit der tatsächlichen Bedrohung zu tun. Wenn einer Angst hat zu fliegen, nützt es nichts, ihn davon überzeugen zu wollen, dass die Fahrt zum Flughafen statistisch betrachtet gefährlicher sei als der Flug selbst. Denn wie der Flugangst-Passagier dann zu Recht entgegnen wird: Es kommt aber doch vor, dass ein Flugzeug abstürzt!

Frank Plasberg betonte nach dem Einspieler:

Ein Terroranschlag ist unwahrscheinlicher als ein Millionengewinn im Lotto.

Damit schien die Antwort klar. Deutschland ist sicher.

Nicht ein einziges Mal fiel in der Sendung der Name des Flüchtlings Khaled B. der vergangene Woche erstochen und blutüberströmt im Hausflur seiner Dresdener Unterkunft gefunden wurde. Mit keinem Wort die Hakenkreuze an den Wänden. Vollkommen selbstverständlich war vom Terror die Rede und natürlich war zu jedem Zeitpunkt der Sendung der islamistische Terror gemeint. Dass wir in Deutschland einen Jahrhundertprozess verfolgen mit der politischen Topterroristin unserer Tage, nämlich Beate Zschäpe, fand mit keiner Silbe eine Erwähnung. Demzufolge tauchten in der Liste der politischen Attentate mit Todesfolge seit 2001 auch folgende Opfer nicht auf:

13. Juni 2001, Abdurrahim Özüdoğru aus Nürnberg.
27. Juni 2001, Süleyman Taşköprü aus Hamburg.
29. August 2001, Habil Kılıç aus München.
25. Februar 2004, Mehmet Turgut aus Rostock.
9. Juni 2005, Ismail Yaşar aus Nürnberg.
15. Juni 2005, Theodoros Boulgarides aus München.
4. April 2006, Mehmet Kubaşık aus Dortmund.
6. April 2006 Halit Yozgat aus Kassel.
25. April 2007 Michèle Kiesewetter aus Heilbronn.

Die politische Terrororganisation heißt NSU. Im gleichen Zeitraum starben 66 weitere Menschen in Deutschland, weil sie Ausländer, Flüchtlinge, Muslime oder Obdachlose waren. Ihre radikalisierten Täter sind im politischen rechtsextremistischen Milieu verortet. Ihre Rekrutierung und Ausbildung geschieht in Deutschland. Inwiefern irgendeine Landeszentrale für politische Bildung Gesprächsangebote organisiert, ist nicht bekannt. Auch das Thema der Vorratsdatenspeicherung wurde in diesem Zusammenhang nicht diskutiert. Natürlich bleibt Frank Plasbergs Aussage, dass die Gefahr durch einen Haushaltsunfall zu sterben wahrscheinlicher ist als durch ein terroristisches Attentat, immer noch richtig. Deutschland ist sicher. Er hätte bloß ergänzen müssen, für wen.