Taofick Okoya erinnert sich noch genau an den Tag, an dem alles begann: "Kurz vor ihrem vierten Geburtstag fragte meine Tochter mich, welche Hautfarbe sie habe. Meine Antwort, dass sie wie ich schwarz sei, schien sie nicht besonders glücklich zu machen. Sie wollte lieber weiß sein. So wie all ihre Puppen und Lieblingsfiguren aus dem Fernsehen." Dem Nigerianer Okoya war klar, was fehlte: "Ich beschloss, eine Puppe zu entwerfen, die afrikanischen Mädchen hilft, stolz auf ihre Hautfarbe und ihre Kultur sein zu können", erzählt er. Das war 2007.

Heute verkauft Okoya im Monat bis zu 9.000 seiner Queens-of-Africa-Puppen im Barbie-Format. Zwischen 1.300 und 3.500 Nigeriansche Naira (6 bis 16 Euro) kosten die Mini-Schönheiten, die günstigere Variante, die Naija Princesses, gibt es für unter 5 Euro. Zwar hat auch der Barbie-Konzern Mattel dunkelhäutige Figuren im Angebot, kommt aber kaum an gegen Okoyas Puppen, die afrikanischen Haarschmuck zu Kleidern mit traditionellen, bunten Mustern tragen.

Die superblonde Original-Barbie liebt Pink und Glitzer und wird in westlichen Gesellschaften oft für die Verfestigung klischeehafter Frauenbilder kritisiert. Auch Okoya beabsichtigt mit seinen Queens of Africa eine Stärkung traditioneller Werte, zu denen weibliche Selbstermächtigung nicht unbedingt gehört. Doch in Nigeria geht es eben nicht zuerst um die Emanzipation von männlicher Übermacht, sondern um die Emanzipation von der Dominanz weißer, weltumfassender Popkultur. 

Afrikas Modewirtschaft wächst rasant

Mehr als 400 Sprach- und Volksgruppen leben in Nigeria, es ist mit über 170 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Die drei größten Ethnien sind die im Norden ansässigen, überwiegend muslimischen Hausa-Fulani (33 Prozent), die Yoruba (21 Prozent) im Südwesten und die mehrheitlich christlichen Igbo (18 Prozent), die im Südosten leben. Jede seiner Puppen repräsentiert eine dieser Ethnien, erklärt Okoya: "Yoruba-Frauen kleiden sich gern farbenfroh und auffällig, ihre Hautfarbe hat einen Karamellton. Die Haut der Igbo ist viel heller, während die Frauen der Hausa die dunkelste Hautfarbe haben und sich schlicht kleiden." Mit der modernen Interpretation traditioneller Einflüsse und ethnischer Prägungen greift er einen Trend auf, der den gesamten Kontinent erfasst hat: Die afrikanische Modeindustrie wächst rasant, Nigerias größte Stadt Lagos gehört zu den Zentren des neuen Afro-Chic und richtet jährlich eine der wichtigsten Fashion Weeks des Kontinents aus.

Dennoch gibt es laut Okoya noch viel zu tun. "Gerade junge Nigerianer halten es noch immer für cool, westlichen Trends zu folgen – auf Kosten unserer Kultur", sagt der 43-Jährige. "Wenn durch meine Puppen unsere Kultur auch cool wirkt, kann dies kommende Generationen positiv beeinflussen." Mit ihrer Hautfarbe und Haaren hadern oft bereits junge Mädchen: Nigeria gilt als weltweit größter Absatzmarkt für hautaufhellende Cremes mit Namen wie Whitenicious, wer es sich leisten kann, lässt sich die krausen Haare in stundenlangen Prozeduren glätten und aufhellen. Okoya möchte die Jüngsten dazu bringen, sich selbst und die eigene Hautfarbe als schön zu empfinden, wie dunkel diese auch sein mag. 

Andere Farbe, gleiche Maße

Zwar kommen seine Queens of Africa nicht ganz so langbeinig und vollbusig wie ihr hellhäutiges Pendant Barbie daher, doch schlank sind sie alle. Für eine Puppe mit Normalo-Maßen wie Lammily, die 2014 in den USA auf den Markt kam, fehlten ihm bisher schlicht die Kapazitäten, sagt Okoya. Es klingt fast entschuldigend. Keinesfalls wolle er schlanke Proportionen als Ideal propagieren, fügt jedoch hinzu: "Menschen sollten sich gesund ernähren und einen verantwortungsvollen Lebenswandel haben. Aus Liebe zu sich selbst." Um diese Maxime den Fans seiner Puppen näher zu bringen, sollen seine afrikanischen Königinnen schon bald auch als Heldinnen in Büchern, Comics und Serien auftreten.

Weibliche Vorbilder haben es nicht leicht in Nigeria. Zwar garantiert die Verfassung von 1999 die Gleichheit der Geschlechter, doch die Gleichberechtigung schreitet nur langsam voran: Vor 13 Jahren verkündete die Regierung unter Olusegun Obasanjo, den Frauenanteil im Parlament um 30 Prozent anheben zu wollen. Tatsächlich vergab Nigerias amtierender Präsident Goodluck Ebele Jonathan 2011 sogar ein Drittel der Positionen im Kabinett an Frauen. Diese Entwicklung hat jedoch einen Schönheitsfehler: Eine nigerianische Frau kann nur in dem Wahlbezirk kandidieren, in dem ihr Vater oder aber ihr Ehemann registriert ist.

Junge Nigerianerinnen erheben ihre Stimme

Taofick Okoya ist mit seinen "Queens of Africa" in Nigeria sehr erfolgreich.

Auch die noch immer verbreitete Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung gehört zur Realität Nigerias: Etwa 29 Millionen Frauen, vor allem in den christlich dominierten Regionen des Landes, sind betroffen. 95 Prozent von ihnen werden noch vor ihrem vierten Geburtstag verstümmelt. In zwölf Bundesstaaten im Norden gilt zudem für Muslime seit 15 Jahren die islamische Gesetzgebung, die Frauen vor allem im Familienrecht benachteiligt.

Im Norden ist auch die Terrormiliz Boko Haram aktiv, die mittlerweile ein Gebiet von der Größe Belgiens kontrolliert und seit 2009 mehr als 10.000 Menschen getötet hat. Das Frauenbild von Boko Haram ist ein zynisches: Junge Mädchen werden entweder zwangsverheiratet oder, wie in jüngster Zeit immer häufiger zu beobachten, als Selbstmordattentäterinnen eingesetzt. Im Januar sprengte sich ein erst 10-jähriges Mädchen in Maiduguri in die Luft.

Doch eine neue Generation starker Nigerianerinnen erhebt immer lauter ihre Stimme. So wie die 37-jährige Chimamanda Ngozi Adichie, Autorin preisgekrönter Romane wie Americanah. Adichie stammt aus einer Igbo-Familie, gehört also zu einer der drei Ethnien, die Okoya mit seinen Queens of Africa würdigt. Wie eine Königin werde sie in Nigeria jedoch nicht behandelt, berichtete Adichie 2012 in einer vielbeachteten Rede über die Notwendigkeit eines nigerianischen und afrikanischen Feminismus: Wenn sie in Lagos ein Hotel allein betrete, hielte sie das Personal für eine Prostituierte.

Feminismus geht auch mit Lipgloss

Adichie bezeichnet sich selbst als "glückliche, afrikanische Feministin, die Männer nicht hasst, Lipgloss mag und gerne High-Heels trägt". Ein Widerspruch für viele Nigerianer, denen Feminismus als Bruch mit dem afrikanischen Ideal der Familie und der Rollenverteilung von Mann und Frau gilt. Ein Jugendfreund habe sie einmal als Feministin bezeichnet, erinnerte sie sich 2012: "Er sagte es im selben Tonfall, in dem man jemandem unterstellt, Terrorismus zu unterstützen." Die amerikanische Pop-Sängerin Beyoncé Knowles war von Adichie so beeindruckt, dass sie Teile des Textes ein Jahr später in ihrem Song Flawless aufgriff. 

In ihrem Roman Americanah thematisierte Adichie auch Versuche schwarzer Frauen, "weißer" zu wirken. Ein Phänomen, das auch keineswegs nur als reines Frauenthema angesehen, sondern auch in Politik-Magazinen wie New African erörtert wird. In der jüngsten Ausgabe beschreibt die Kolumnistin Akua Djanie, wie sie von einer schwarzen Frau aufgrund ihrer sehr dunklen Hautfarbe und ihrer natürlichen Dreadlocks als "hässlicher afrikanischer Affe" bezeichnet wurde.

Das Hadern mit dem eigenen Erscheinungsbild trifft gerade in großen Nationen wie Nigeria immer öfter auf ein sogenanntes neues afrikanisches Selbstbewusstsein, das sich seinen Weg durch die erstarkenden Mittelschichten des Kontinents bahnt. Taofick Okoya steht mit seiner Geschäftsidee exemplarisch für diese Schicht, die Finanzkraft mit Selbstbewusstsein und Stolz auf die eigene Kultur kombiniert.

Die Begeisterung für seine Puppen beschränkt sich nicht nur auf Nigeria, längst treffen auch aus anderen afrikanischen Ländern, den Vereinigten Staaten und Europa Bestellungen ein. Okoya lässt keinen Zweifel daran, dass der nigerianische Markt nur der Anfang sein soll: "Ich möchte mit meinen Puppen Kinder afrikanischer Herkunft auf der ganzen Welt erreichen."