Der Berliner Rapper Denis Cuspert alias Deso Dogg vor zehn Jahren. Mittlerweile ist er ein IS-Kämpfer. © dpa

V. Mit den Mitteln der Popkultur

Nicht zu unterschätzende Rekrutierungsinstrumente sind, wie im Übrigen auch bei den Neonazis, die Musik und andere damit verbundene Elemente der Pop- und Jugendkulturen. Zweifellos ist die Übernahme der westlichen Ästhetiken, der Videospielgrafiken, der Reportagen (mit einer Geisel als "Reporter"), der Körperinszenierungen, der Horrorbilder, der Katastrophenphantasien, der Verschwörungstheorien und der Live-Reportagen mit den CNN-Anmutungen, und die gleichzeitige Reinigung von allen Frivolitäten, Doppeldeutigkeiten und Ironisierungen ein Erfolgsrezept. Dschihadisten-Propaganda und etliche Genres von Straßen- und Ghettokunst entsprechen einander formal. Aber welche subkutanen Regionen in der Bildsprache nebenbei adressiert werden, erschließt sich rasch, wenn man Männerbilder der Dschihad-Werbung und solche der Kosmetik- und Konsumwerbung nebeneinander legt. Die Männerbilder des Terrormagazins gleichen sich bis zur Beleuchtung an die grimmigen Models für Parfüm und Rasierwasser an. Oder verhält es sich umgekehrt? Daher ist es für die Rekrutierung der Dschihadisten auch so bedeutend, die Aufnahme der jungen Leute über einen fließenden und offenen Dresscode zu regeln, und nicht mit einer extremen Uniformierung. Man verspricht die Verwandlung zugleich in den Krieger und das Model, eine der vielen Umwandlungen der Traumangebote der westlichen Kultur in blutige Realität. 

Die sogenannten Hassprediger verwenden rhetorische und rhythmische Elemente, die man auch aus dem Hip-Hop und dem Gangsta-Rap kennt. Doch der Kern der musikalischen Rekrutierung liegt in den sogenannten Naschid. Diese Lieder sind selbst Beute; Naschid waren einst Teil der Sufi-Tradition, aber schon seit den siebziger Jahren wurden sie von den sunnitischen Truppen als Rekrutierungs- und Propagandamittel eingesetzt. Sie konnten sich als A-cappella-Gesänge ohne instrumentale Begleitung auch gegen das Musikverbot der salafistischen Extremen durchsetzen. Die erfolgreichsten Naschid folgen als Klangerlebnisse dem Gebot "Beginnend mit Worten, endend mit Blut". Das Lied Dawlat al-Islam Qamat beispielsweise beginnt als elegische Ballade und führt dann in eine martialische Collage von stampfenden Stiefeln und Schüssen. "Der islamische Staat ist auferstanden durch den Heiligen Krieg der wahrhaft Gläubigen", heißt es dann. Es entstehen auf diese Weise inoffizielle Hymnen, die sich auch in das popaffine Ohr schleichen; die A-cappella-Lieder der tiefen Männerstimmen mit Rap und Spoken-Word-Einlagen der Naschid haben eine ganz ähnliche Wirkung wie die Rechtsrock-CDs, mit denen die Neonazis ihren Nachwuchs zu rekrutieren hoffen. Zur vollen Wirkung gelangen sie in Verbindung mit den Videos. In den siebziger Jahren wurden sie vor allem bei den Muslimbruderschaften in Ägypten, unter Duldung der entsprechenden Ajatollahs, als Propagandainstrument eingesetzt. In der sunnitischen Variante sind die Naschid ausschließlich aus Stimme und Geräuscheffekten zusammengesetzt, in der schiitischen Spielart kommen heftige Rhythmusinstrumente hinzu. Dazu werden westliche Technologien wie voice tracer eingesetzt.

Die Ajnad-Medienstiftung des IS sorgt für ständigen Nachschub der Naschid, und darin bilden sich, wie in der westlichen Popmusik, auch immer wieder Innovationen und Generationswechsel ab. Der Rapper Denis Cuspert verfasst als Deso Dogg gezielt Naschid für den deutschen Nachwuchs. Der Künstlername suggeriert bereits den Übergang vom Gangsta- zum Dschihadisten-Image. Im übrigen veranstaltet der IS veritable Propaganda-Wettbewerbe, deren Gewinner mit Kameras, Computern und Mobiltelefonen belohnt werden. Propagandafilme tragen Titel wie The Clanging of Swords oder Flames of War, die wirken, als wären sie Computerspielen oder TV-Serien entnommen, und tatsächlich ist Serialisierung auch ein probates Mittel der Aufmerksamkeitsökonomie der IS-Propaganda.

Die Frivolität des Pop, die sich an allen Zeichen und Sounds bedient, Sampling und Zitat, Rap und Spoken Word, das alles dreht sich beim Naschid und den entsprechenden Videos um in einen heiligen Ernst. Was das Popgenre und der Blutgesang gemein haben, neben den formalen Techniken, ist eine Konstruktion von Männlichkeit, die sich nur durch den Bruch mit den weichen Konventionen der Allgemeinheit bewähren kann, und eine Art des akustischen Sinnenrausches. Bei vielen Naschid geht die Musik nicht nur in die Geräuschkulisse von Kampf und Gewalt über, sondern erzeugt auch eine benebelte Orientierungslosigkeit. Der Wille zu verletzen und der Glaube an die eigene Unverletzbarkeit haben sich schon gefunden, bevor die entsprechenden Bilder und die entsprechenden Worte aus dem Empfinden eine Aussage gemacht haben.

Selbst wenn die Dschihadisten aus dem Westen in ein fremdes Land kommen, dessen Sprache sie nicht einmal kennen, erwartet sie also eine Wolke von Medien- und Sinneseindrücken, die sie kennen, auf die sie codiert sind. Die Wirklichkeit soll ihnen zunächst als Fortsetzung ihres Medientraums erscheinen. Dabei werden auch die Naschid zum Steuerungsinstrument innerhalb der Bewegung selbst: Die signifikante Änderung der Naschid in den vergangenen Jahren ist die Wandlung von einem Gesang der mystischen Opferbereitschaft zu einer unverhohlenen, sexualisierten Gewalt, und sie handeln nun weniger von der religiösen Versenkung als von der Weltherrschaft, die kurz bevor steht. Auch die Naschid spiegeln die Wandlung des IS von einer reinen Terrorgruppe zum Zentrum einer kommenden Terrorherrschaft.

Die Ästhetik des IS ist eine sich gleichsam empirisch entwickelnde Mischung aus traditionellen Rückbindungen und westlicher Popkultur. Die Verzahnung von Schrift und Bild etwa, das Bezeichnen, sogar die Ästhetik des Graffiti, all das taucht im IS-Rekrutierungsumfeld wieder auf. Die Vermischung der Zeichen und Bilder macht den Übergang von der Popfantasie des Kriegers zu der blutigen Realität smooth. Bis jemand bemerkt, dass er nicht in eine weitere Pop- und Symbol-Evasion aus seiner eigenen schmutzigen Realität gelangt ist, sondern in eine noch viel schmutzigere Wirklichkeit, ist es meist zu spät.


VI. Fremde als Kanonenfutter

Der (westliche) Nachschub an dschihadistischen Kämpfern in Syrien und im Irak wird nicht nur aus taktischen und propagandistischen Gründen benötigt, sondern auch zur Niederschlagung der Konkurrenz im eigenen Land. Insbesondere die aus der salafistischen Szene in Europa rekrutierten Kämpfer haben auch die Skrupel nicht mehr, Dissidenten und Gegner (Verbündete von einst) zu massakrieren, die anderen Brüder und Schwestern sein müssten. Gerade ihre Fremdheit, neben dem konvertitischen Eifer, wird zur Waffe in einem Krieg, dessen heißer Kern nicht der Kampf gegen den sündigen Westen, sondern die Vorherrschaft innerhalb des politischen Islam ist. Die Fremden werden dabei als Kanonenfutter – oft vergehen nur Wochen, bis ein Neuankömmling ins Selbstmordattentat geschickt wird –, als Propagandainstrumente und schließlich als Disziplinierungselement eingesetzt. Die westlichen Dschihadisten sind in die Gewalttaten des IS eingebunden, sie müssen sich dabei besonders hervortun. Oder sie werden, wenn sie erschrocken über die Realität des Traumkrieges, in den sie aufbrachen, das Weite suchen wollen, selbst Opfer dieser Gewalt. In der anderen, der weichen und fürsorglichen Seite des Kalifats als work in progress haben sie dagegen nichts zu suchen. Sie sind Teil der Gegenwart des IS, Teil der Zukunft sind sie nicht.

Berichtet wird vor allem von zwei Arten von Rückkehrern in den Westen: Jungs (nebst weniger Mädchen) kommen aus dem Dschihad zurück als lebende Zeitbomben, weiter radikalisiert, eingebunden in die globalen Netze des IS und zur nächsten Rekrutierungswelle bereit. Andererseits kehren auch an Leib und Seele gebrochene, radikal desillusionierte menschliche Wracks zurück, denen möglicherweise auf Erden nicht mehr zu helfen ist. Gibt es einen Blick, der den einen vom anderen unterscheiden kann? Wie könnten sich Angst und Mitleid arrangieren lassen, wenn doch eines klar ist: Auch der Rückkehrer ist eine Waffe des Terrors, so oder so.

Von Anfang an bestimmte eine Doppelstrategie die Propaganda des IS, aus den martialischen, für den Westen bestimmten Clips und aus den idyllischen Fürsorge-Propagandavideos, die den IS als Feuerwehr, Medizin und bei der Speisung zeigen. Die Brutalität richtet sich auf den Gewaltbereiten im Westen, aber sie ist auch ein Mittel der Disziplinierung. Die chaotischen Dschihadisten-Gruppen dürfen sich aufführen wie Straßengangs, das schließt die Übergriffe gegenüber Frauen, den Raub nach Bedarf, den Vandalismus insbesondere gegen Kulturgüter und das Verschrecken der Bürger ein. Es muss nur islamisiert sein. Das macht dieses Böse auch sehr rasch extrem banal. In seinem Film Timbuktu zeigt der Regisseur Abderrahmane Sissako, wie eine Gruppe von Dschihadisten im Namen der Religion verkündet, dass Musik, Fußballspielen und Rauchen ab sofort streng verboten sind – und dann verdrückt sich einer der Anführer in den Sandbergen, um eine Zigarette zu rauchen. Und hier sieht man auch, dass der Feind und das, was bekämpft wird, keinem kohärenten Bild folgt. Alles wird Feind, alles muss verboten werden, am Ende das Leben selbst. Aber zur selben Zeit werden den IS-Kämpfern alle technologischen Dinge zum Fetisch, die Waffen, die Transportmittel, die Kommunikationsgeräte. Auch das hat sein Vorbild im Gangster des Westens, der seine destruktive Energie mit der Verfügung über die Technik verbindet. Auf der niedersten Ebene funktioniert der IS als islamisierte Dauerkriminalität. Als autoritär abgesicherte Erlaubnis, alle destruktiven Impulse, alle Psychosen, alle Gelüste zwischen Rache und Selbsthass auszuleben.

Nicht die Lehre ist es, wohl aber das System der Rechtfertigung, was den islamistischen Terror so attraktiv macht. Die Jesiden, sagt dann eine religiöse Autorität, seien eine "heidnische Minderheit" und "Teufelsanbeter", deshalb sei die Versklavung, der Verkauf, die Vergewaltigung oder Zwangsverheiratung legitim. Umgekehrt würden sich ja viele Frauen und Kinder zur richtigen Religion bekennen, sodass die Schuld der grausamen Behandlung bei den Opfern selber liege. Dies ist das System der doppelten Entschuldung der westlichen Dschihadisten durch den IS-Terror: Sie befreien sich einerseits von der Schuld, die sie in der Hölle des westlichen Liberalismus auf sich geladen haben, und sie sind andererseits in der Ausübung der neuen Gewalt entschuldet. Während der Westen jeden Menschen mit seiner Schuld (und mit seinen Schulden) allein lässt, nimmt der IS gerade den Schuldigen (und den Schuldner) mit offenen Armen auf und gibt ihm, was er dort ein für allemal verloren wähnt: Heimat.