Einer dieser unglaublichen Eidinger-Momente: Richard III., gespielt von Lars Eidinger, kniet nur mit einem aufgeschnürten Buckel bekleidet, also nackt, vor Lady Anne. Zwischen ihnen steht der Sarg ihres Gatten König Edward, den Richard getötet hat. Lady Anne zielt mit einem Schwert auf den Mörder ihres Mannes, bebend vor Wut und Trauer. Sie müsste nur zustechen, zumal Richard sie dazu auffordert: "Ich leih dir dieses scharfgeschliffne Schwert; wenn dus in dieser treuen Brust versenken und die Seele rauslassen willst, die dich verehrt, dann präsentiere ich sie offen deinem tödlichen Hieb und bitte auf den Knien untertänigst um den Tod." Starke Worte. Und was tut Lady Anne? Sie beugt sich über den Sarg mit ihrem aufgebahrten Ehemann darin und gibt dem Mörder einen Kuss.

Warum, das hat sich aus der Lektüre von Shakespeares Klassiker nie ganz erschlossen. Dass es nicht allein am vom Dichter gern vorgebrachten weiblichen Wankelmut liegt – ein Feminist war er ja bekanntlich nicht – beweist Richards allgemein durchschlagende Verführungskraft, die auch Bürgermeister, Henker, Prinzessinnen verwirrt. Innerhalb kürzester Zeit bringt er es vom Herzog von Gloucester zum König von England, entledigt sich auf dem Weg dorthin all seiner Widersacher und tröstet die zurückgebliebenen Frauen. An Richards Äußerem kann es auch nicht liegen. Lars Eidinger spielt ihn mit bandagiertem Kopf und Rückenhöcker, eine einzige schiefe Ebene. Wenn er sich bewegt, hyänenhaft kriechend, verschlagen schlurfend, geht das Körpertheater erst richtig los. Worin liegt also Richards Anziehung?

In der neuen Inszenierung dieses Richard III. an der Berliner Schaubühne dürfte ein Grund in der günstigen Konstellation von Regisseur, Hauptdarsteller und Raumkonzept bestehen. Thomas Ostermeier hat als künstlerischer Leiter enormen Anteil an der Popularität der Schaubühne. Als Regisseur tourt er durch die halbe Welt. In Frankreich wurde er gerade mit der höchsten kulturellen Auszeichnung des Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres bedacht. Seine Hamlet-Inszenierung mit Lars Eidinger in der Hauptrolle läuft seit 2008, und noch immer ist jede Vorstellung ausverkauft.

Nachbau des Globe Theatre

Richard III. ist nun nicht nur die inoffizielle Fortsetzung des Hamlet, sondern vor allem Anlass eines großflächigen Umbaus in der Schaubühne. Man hat in schönster Berg-zum-Propheten-Manier das Londoner Globe Theatre nach Berlin geholt. Unter der Leitung des Bühnenkünstlers Jan Pappelbaum wurde eine steile Holzfassade in den kleinsten Saal der Schaubühne eingezogen. Statt wie bisher 170, finden dort nun knapp 300 Zuschauer Platz. Offenbar gehört ein solcher Kraftakt zu dem, was eine gut situierte Bühne heute leisten muss. Eine sechsstellige Summe hat der Umbau gekostet, der Ostermeier dem Tagesspiegel zufolge "die Energie ganz anders als auf einer Guckkastenbühne konzentrieren" und "den Spieler in die Konfrontation mit dem Publikum zwingen" soll. Damit es sich lohnt, soll in diesem Globe-Nachbau künftig nicht nur Shakespeare, sondern auch Zeitgenössisches gespielt werden.

Eindruck am Premierenabend: Es riecht nach frischem Holz. Vom 1. Rang, Reihe 7 aus ist die Sicht ganz gut. Und konzentrieren sich die Energien? Man denkt an den Europa-Park Rust, wo schon seit Jahren ein Nachbau des Globe Theatre die erlebnishungrigen Freizeitparkbesucher erfreut, mit zweifelhaftem kulturellem Gewinn. Ein solches Projekt bringt Aufmerksamkeit, ob es auch einen Mehrwert bringt, muss sich erst zeigen. Bei Richard III. wirken die Darsteller nicht näher oder ferner als sonst, mit Ausnahme von Eidinger, der eben keine Illusionsarchitektur braucht, um das Publikum zu bannen.